Celine Dion

AP/RICHARD SHOTWELL

Das längste Jetzt der Welt

Eine Radio-Echtzeitinstallation von Thomas Wagensommerer in "Kunstradio".

Das kurze Wort "now" aus einem Popsong wird von dem in Wien lebenden Medienkünstler und Theoretiker Thomas Wagensommerer auf ein ganzes Jahr ausgedehnt. Dabei schimmern immer wieder unterschiedliche Klangfarben durch. Die Gegenwart ist länger als gedacht und wird zu einem Kontinuum.

Thomas Wagensommerer, der Digitale Medientechnologie an der Fachhochschule in St. Pölten, Philosophie an der Universität Wien und Transdisziplinäre Kunst (TransArts) an der Universität für angewandte Kunst Wien studiert hat, setzt sich in seiner generativen Echtzeit-Radioinstallation "~NOWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWW~" intensiv mit dem Themenkomplex Zeit und Raum auseinander. Rund um die Uhr ist der sich langsam ändernde Klangstrom online hörbar.

Ein Wort als Keimzelle

Seine Keimzelle ist ein Ausschnitt von fünf Sekunden Dauer: Das Wort "now" aus dem Popsong "It’s All Coming Back to Me Now" von Céline Dion aus dem Jahr 1996. Dieses Stückchen Gegenwart nutzt der Künstler, um mithilfe von unterschiedlichsten kleinen Applikationen, die sich gegenseitig bedingen und füttern, einen konstanten Audiostream für 365 Tage zu generieren. Dabei sind allerdings nicht nur die Mikrostrukturen des Klangs, sondern von Zeit zu Zeit auch die Rechenarbeiten des Computers, der den Stream erzeugt, zu hören, und zwar jedes Mal, wenn jemand im Kurznachrichtendienst Twitter #NOW verwendet. Aus fünf werden 31.556.952 Sekunden.

"~NOWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWW~" von Thomas Wagensommerer ist das erste Projekt der neuen Reihe "Kontinuum" von Deutschlandfunk Kultur, Ö1 Kunstradio und dem CTM-Festival in Berlin. Im Radio läuft es immer dann, wenn bei Deutschlandfunk Kultur nach einer Hörspiel- oder Featuresendung beziehungsweise innerhalb der "Kunstradio"-Ausgabe in Ö1 noch Sendezeit bleibt.

Reflexion aktueller Medienrealitäten

Die Grundidee für "Kontinuum" war, dass durch die vielgestaltigen und nicht selten widersprüchlichen Informationsströme in den digitalen und sozialen Medien zunehmend komplexe und umstrittene Realitäten produziert werden. Im ersten Aufruf des CTM Radio Lab 2019 wurden Künstler/innen aufgefordert, diese Wirklichkeit(en) zu reflektieren, indem sie eine generative Komposition entwickeln, die für ein Jahr einen Audiostream produziert. Gesucht wurden Projekte, die im weitesten Sinne eine narrative Qualität entwickeln und sich auf das CTM-Festival-Thema 2020, "Liminal", beziehen. Außerdem sollte eine künstlerische Auseinandersetzung mit Themen wie Automatisierung, Datenströme, algorithmische Systeme, künstliche Intelligenz, Überwachungstechnologien und stetiger Wandel stattfinden.

Die Jury war interessiert an einer Reflexion aktueller Medienrealitäten, in denen täglich viele verschiedene Quellen konsultiert werden.

Gestaltung