Eisskulptur vor dem Weißen Haus: Sie zeigt die Buchstaben TRU H.

APA/AFP/OLIVIA HAMPTON

Das postfaktische Zeitalter

Noch nie waren Menschen so gebildet wie heute. Noch nie war Wissen so leicht zugänglich für alle. Und dennoch werden Falschmeldungen und Verschwörungstheorien zu einem wachsenden Problem für unsere Demokratien. Sie beeinflussen Wahlen, verstärken die Polarisierung von Gesellschaften und lassen exzentrische Politiker an die Macht kommen, die bewusst ihre eigenen Parallelrealitäten erschaffen.

Es ist nichts Neues, dass Politiker die Unwahrheit sagen. Neu sei allerdings, dass man mit ganz offensichtlichen Unwahrheiten Präsident der USA oder von Brasilien werden kann, meint der dänische Philosoph Vincent Hendricks. Er leitet an der Universität Kopenhagen das Center for Information and Bubble Studies. Dieses untersucht "Informationsblasen" im Internet, geht also der Frage nach: wieso ziehen bestimmte Themen und Personen ganz besonders viel Aufmerksamkeit auf sich?

Die Aufmerksamkeitsökonomie

Wir leben in einer Zeit von überbordenden Informationsangeboten, die von allen Seiten auf uns hereinströmen. Woran es mangelt, ist die Zeit der Menschen, all die Informationen aufzunehmen. "Für die Aufmerksamkeitsökonomie gibt es keine gute oder schlechte Aufmerksamkeit", betont Hendricks, "sie kennt nur: wenig oder viel Aufmerksamkeit". Erinnern wir uns zurück: Welches Medium hat seinerzeit nicht ausführlich über die "alternativen Fakten" bei Trumps Amtseinführung berichtet? Darüber, ob mehr oder weniger Menschen zu dieser Zeremonie erschienen sind als zu jener von Obama und darüber, ob bei seiner Antrittsrede die Sonne geschienen hat?

Jeder hat ein Recht auf eine eigene Meinung. Aber nicht auf eigene Fakten.

Während es Politikern vergangener Jahre peinlich war, wenn ihre Unwahrheiten aufflogen, haben populistische Politiker wie Trump, Putin oder Bolsonaro längst verstanden, dass es keine Rolle spielt, ob Menschen gut oder schlecht über einen reden. Hauptsache sie reden viel. Wer sich über Trumps alternative Fakten ärgert, wird davon abgehalten, sich mit anderen Themen zu beschäftigen.

Klimawandel als Kulturkampf

Postfaktische Rhetorik ist eine politische Taktik, davon ist der US-amerikanische Wissenschaftsphilosoph Lee McIntyre überzeugt. Es gehe darum, die Deutungsmacht über die Wirklichkeit zu erlangen: "Zuerst kontrollierst du die Wahrheit, dann kontrollierst du die Menschen. Es geht nicht darum, die Bürger zu überzeugen, sondern ihnen zu zeigen, wer der Boss ist." Auch dieses Prinzip kennen wir bereits von der politischen Propaganda autoritärer Staaten. Doch heute hält das Prinzip Einzug in demokratische Systeme. Der Wert der Wahrheit an sich wird in Abrede gestellt. Die "alternativen Fakten" eines Politikers zu glauben und zu verbreiten, wird zunehmend Zeichen von Loyalität und Ausdruck einer bestimmten politischen Identität. Frei nach dem Motto: Wer Trump verehrt, darf nicht an den Klimawandel glauben.

Überhaupt werde die Frage rund um Klimapolitik zunehmend zu einer Art "Kulturkampf" zwischen unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung, sagt der Politikwissenschaftler Reinhard Heinisch. Für viele Menschen sind Dinge wie ihr Auto oder regelmäßiger Fleischkonsum ein Statussymbol, ein Zeichen dafür, dass sie es geschafft haben, dass sie aus ihrem Leben etwas gemacht haben. Wenn jetzt eine "Elite" kommt und ihnen sagt, dass alles sei nichts mehr wert, sie sollen schnell ihren Lebensstil ändern, so schaffe das Wut und Frustration. Diesen Frust fangen populistische Politiker gerne auf, indem sie behaupten, den Klimawandel gebe es nicht.

Die Aufmerksamkeitsökonomie kennt keine gute oder schlechte Aufmerksamkeit.

Digitale Parallelwelten

Im Jahr 2017 gingen weltweit tausende Wissenschaftler auf die Straße. Sie protestierten dagegen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend unter Beschuss geraten. Auch durch die Politik. Der Kampf gegen Fakten sei schließlich auch ein Kampf gegen die Wissenschaft, sagt US-Universitätsprofessor Lee McIntyre. Das betreffe insbesondere ideologisch umstrittene Themen wie Evolutionstheorie, Impfungen oder eben den Klimawandel. Zu diesen Fragen scheint es eine wahre Industrie an verschwörungstheoretischen Fake News Produzenten zu geben, die ihre teils absurden Weltsichten im Netz verbreiten.

"Früher musste sich der eine Verschwörungstheoretiker des Dorfes auf eine Kiste stellen, einen Aluhut aufsetzen und versuchen, seine Überlegungen zu verbreiten", sagt Romy Jaster, Autorin des Buches "Die Wahrheit schafft sich ab". Heute findet sich im Internet schnell eine kritische Masse zu jedem auch noch so abstrusen Thema. Die Bauweise der sozialen Medien stehen in ungünstiger Weise im Zusammenspiel mit der Bauweise unserer Psychologie, so Jaster. Wir glauben nur, was in unser Weltbild passt und die Algorithmen sorgen dafür, dass wir auch vorrangig das zu sehen bekommen.

Das Problem bei diesen digitalen "Echokammern" ist: sie führen häufig zu einer Radikalisierung von Meinungen. Psychologische Experimente zeigen: Lässt man unterschiedlich denkende Menschen miteinander diskutieren, so mäßigen sie sich gegenseitig in ihren Ansichten. Es findet ein Ausgleich statt. Setzt man lauter Gleichdenkende an einen Tisch, verstärken sie sich gegenseitig.


Service

Harry G. Frankfurt: "Bullshit", aus dem Englischen von Michael Bischoff. Suhrkamp

Vincent F. Hendricks / Mads Vestergaard, "Postfaktisch. Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien", Blessing Verlag

Romy Jaster / David Lanius, "Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen.", Reclam

Lee C. McIntyre, "Post-Truth", MIT Press

Lee C. McIntyre, "The Scientific Attitude. Defending Science from Denial, Fraud and Pseudoscience", MIT Press

Susan Neiman, "Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten", ecowin

Naomi Oreskes / Erik M. Conway, "Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens", Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA

Eva Linsinger, "Alles nur Fake! Journalismus in Zeiten von Postdemokratie, Message Control und Rechtspopulismus", Picus

Tom Wannemacher, Andre Wolf, "Die Fake-Jäger. Wie Gerüchte im Internet entstehen und wie man sich schützen kann", Komplett-Media

Stephan Lewandowsky, Klaus Oberauer and Gilles E. Gignac, "NASA Faked the Moon Landing--Therefore, (Climate) Science Is a Hoax: An Anatomy of the Motivated Rejection of Science", In: Psychological Science 2013/24

Lewandowsky, S., Ecker, U. K. H., & Cook, J. (2017). "Beyond Misinformation: Understanding and Coping with the Post-Truth Era". In: Journal of Applied Research in Memory and Cognition, 6(4).

Stephan Lewandowsky, John Cook: "Widerlegen, aber richtig"!

John Cook, Geoffrey Supran,Stephan Lewandowsky, Naomi Oreskes, Ed Maibach: "America Misled. How the fossil fuel industry deliberately misled Americans about climate change"

Mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch

SOMA – Social Observatory for Disinformation and Social Media Analysis]

National Whistleblower Center - New Whistleblower Report Shows How Facebook, Contrary to Assurances, is Creating Extremist Content for the Benefit of Hate and Terror Groups

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