Josef Haslinger

APA/HERBERT NEUBAUER

Josef Haslinger "Mein Fall"

Der Schriftsteller Josef Haslinger, einst Sängerknabe und Ministrant im Stift Zwettl, ist in den 1960er Jahren als Konviktszögling von drei Lehrern sexuell missbraucht worden. „Mein Fall“: Sein neues Buch ist biografische Selbsterforschung und späte Anklage in einem.

Sie haben wenig ausgelassen, um den ihnen anvertrauten Kindern das Leben zur Hölle zu machen – die Zisterzienser-Patres des Stiftes Zwettl, von denen sich Josef Haslinger, in den Sechzigern ein von tiefer, idealistischer Frömmigkeit erfüllter Bauernbub, zum Sängerknaben und Priester ausbilden lassen wollte. Er sei damals ein folgsamer Bub gewesen, erinnert sich Haslinger, auch wenn ihn manche für einen „Strick“ gehalten hätten.

Gewalt sei im Konvikt gang und gäbe gewesen, so Haslinger, vor allem der damalige Präfekt, ein Pater namens Bruno Schneider, habe sich als Schläger und Kindesmalträtierer hervorgetan. Schneider habe die Buben mithilfe von Stockschlägen, Ohrfeigen und, man könne sagen: folterähnlichen Praktiken gefügig gemacht.

Bazookas als Köder

Dabei blieb es nicht. In nüchternem, betont sachlichem Stil schildert Josef Haslinger in seinem Buch, wie er von drei Lehrern sexuell missbraucht worden ist. Haslinger nennt erstmals auch Klarnamen: Pater Gottfried Eder, Pater Maurus König und Viktor Adolf, der einstige Stiftsorganist der Zisterzienser-Abtei. Sie alle hätten sich an ihm und anderen Zöglingen vergangen, berichtet Haslinger in seinem Buch.

Pater Gottfried sei der Erste gewesen: „Er hat mir kleine Geschenke gebracht, wenn er zur Abendfreizeit kam und mich zum Tischtennisspielen einlud. In der Regel waren es Kleinigkeiten, ein Apfel, eine Orange oder ein Bazooka-Kaugummi mit Abziehbildern. Pater Gottfried war mein Religionslehrer, das war mit ein Grund, warum ich ihn als umfassende Autorität gesehen habe. Als er begann, seinen Körper an mich zu drücken und körperlichen Kontakt zu suchen, war das für mich völlig undurchschaubar. Der körperliche Kontakt begann dann schnell eine erotisch-sexuelle Dimension zu bekommen. Ich war nicht in der Lage, dem irgendeinen Widerstand entgegenzusetzen. Auf der anderen Seite war ich natürlich glücklich und froh, dass es unter den Lehrern jemanden gab, dem ich etwas bedeutete, dem ich alles sagen konnte, der mich tröstete.“

Drei Mal vor der Klasnic-Kommission

Es habe Jahrzehnte gedauert, bis er sich seinen Missbrauchserfahrungen habe stellen können, ohne die Täter zugleich in Schutz zu nehmen, erklärt Josef Haslinger. Heute, da die Beteiligten tot seien, sei es ihm endlich möglich, sich dem Thema ohne falsche Rücksichtnahme zu stellen.

Der Schriftsteller hat zuletzt auch einen Schritt gewagt, vor dem er lange Zeit zurückgeschreckt war: Drei Mal hat Haslinger in den letzten Monaten vor der „Unabhängigen Opferschutzkommission“ der österreichischen Bischofskonferenz, der sogenannten „Klasnic-Kommission“, ausgesagt. Am 21. Jänner 2020, rechtzeitig zum Erscheinen des Buchs, wurde dem Schriftsteller von der Opferschutzkommission eine Entschädigung von 10.000 Euro zugesprochen – eine Höhe, die knapp über der untersten Entschädigungsstufe liegt. Eine Entscheidung, die der Schriftsteller „zur Kenntnis“ nimmt: „Für die zweite Stufe, für die 15.000 Euro vorgesehen sind, bin ich wohl zu wenig traktiert worden.“

Aus Stift Zwettl, einer Tochtergründung des Stiftes Heiligenkreuz, hat bisher noch niemand Kontakt mit Haslinger aufgenommen. „Aus Zwettl gibt es bis jetzt keine Reaktion, während mir der Abt von Heiligenkreuz, wo Pater Gottfried auch gewirkt hat, geschrieben und mich um Verzeihung gebeten hat. Aber aus Zwettl: keine Reaktion bisher.“ Gut denkbar, dass sich das mit dem Erscheinen von „Mein Fall“ demnächst ändern wird.

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