Johannes Silberschneider

ORF/JOSEPH SCHIMMER

"Seine künstlerische Kraft schöpft er aus dem Leben"

Johannes Silberschneider ist Hörspiel-Schauspieler des Jahres. Eine Laudatio von Herbert Föttinger.

Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein; dass dem wirklich so ist, zeigt die Geschichte von Johannes Silberschneider und dem Theater in der Josefstadt eindringlich: Schon zu Beginn meiner Direktion im Jahr 2006 wollte ich Silberschneider zu mir nach Wien holen. Damals konnte er mein Angebot leider nicht annehmen, auch das zweite nicht, auch das dritte nicht. In stets sehr freundlichem, vom steirischen Dialekt geprägtem Ton, stets mit sehr glaubwürdiger Versicherung, dass es ihm leidtue, wieder ablehnen zu müssen, holte ich mir eine Absage nach der anderen.

Johannes Silberschneider

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Ich blieb eisern …

Ich blieb zwar eisern, rief beinahe jede Spielzeit aufs Neue bei ihm an, glaubte aber gar nicht mehr so recht daran, dass irgendwann alle Umstände passen könnten und wir wirklich eine gemeinsame Produktion verwirklichen würden.

Anfang 2018 rief ich erneut an, direkt während einer Produktionsbesprechung, vielleicht nur, um der versammelten Mannschaft zu beweisen, dass es zwar richtig sei, dass Johannes Silberschneider die ideale Besetzung für die Rolle wäre, dass wir uns nichts Besseres wünschen könnten, als ihn dafür zu gewinnen, dass die Chancen aber - dem Gesetz der Serie entsprechend - denkbar schlecht stünden. Ich rechnete also mit einem kurzen Gespräch - und das war es auch, denn in dem mir bekannten, freundlichen Ton sagte Silberschneider tatsächlich zu. In Peter Turrinis "Josef und Maria" gab er sein Debüt in meinem Theater - und brillierte.

Stark und schwach zugleich

Die Art und Weise, wie Johannes Silberschneider in der Verkörperung dieses kleinen Mannes samt seinen Schwächen und Ängsten, aber auch seinen Überzeugungen und Stärken aufgeht, ist von einer derartigen Aufrichtigkeit geprägt, dass es während einer Vorstellung mitunter schwerfällt, den Menschen vom Schauspieler zu trennen. Diese höchste Form der Schauspielkunst, die Momente größtmöglicher Wahrheit und Wahrhaftigkeit auf der Bühne ermöglicht, ist genau das, was Silberschneider in Perfektion beherrscht.

Aus zweierlei Gründen griff ich noch in derselben Spielzeit wieder zum Telefon: Einerseits, weil er ein hervorragender Schauspieler und höchst liebenswerter Kollege ist. Andererseits aus Verzweiflung: Zwei Wochen vor Probenbeginn von Franz Werfels "Jacobowsky und der Oberst" ging mir mein Jacobowsky verlustig, eine höchst dramatische Situation für einen Theaterdirektor.

Rührend zart, aber auch laut und energisch

Ich rief also an und fragte unverblümt, ob er denn ein Hasardeur sei. Die Antwort lautete: im Leben nicht wirklich, auf der Bühne durchaus. Es zeigte sich: Silberschneider ist ein Jacobowsky, wie man ihn sich nur erträumen kann: humorig, rührend zart, aber auch laut und energisch, wenn es sein muss. In jedem emotionalen Zustand versteht er es, den Abend dank seines schauspielerischen Könnens und seines Charakters zu tragen.

Johannes Silberschneider ist ein Schauspieler, der auf sehr persönliche Art Zugang zu seinen Rollen sucht. Die Individualität, die dadurch als Farbe auf seine Figuren übergeht, zeichnet seine Arbeit auf der Bühne aus: Die Menschlichkeit, die Ehrlichkeit eines Schauspielers, der seinen Beruf durchwegs als Berufung wahrnimmt, ist in jeder Nuance seiner Figurenzeichnung zu spüren, sie überwältigt das Publikum und lässt es staunend und berührt zurück.

Dieser leise, oft zurückhaltende, immer freundliche und entgegenkommende Mensch schöpft seine künstlerische Kraft aus dem Leben und bringt somit das Leben auf die Bühne. Und dafür gebühren ihm Lob, Anerkennung und Respekt.

Übersicht