Maria Bengtsson (Clara), Edgaras Montvidas (Egmont)

APA/THEATER AN DER WIEN/MORITZ SCHELL

Politthriller aus dem 16. Jh.

"Egmont"-Uraufführung mit dem RSO

1810 schrieb Ludwig van Beethoven die Schauspielmusik zu Goethes Trauerspiel "Egmont" für eine Inszenierung am Wiener Burgtheater. Diese Fassung wird im Mai im Theater an der Wien zu erleben sein - als Finale des Beethoven-Fests. Dessen Auftakt aber macht am Haus eine Neufassung des Stoffes in der Auftragsoper "Egmont" von Christian Jost nach dem Libretto von Christoph Klimke. Das ORF Radio-Symphonieorchester spielt unter Michael Boder in Originalbesetzung, erweitert um Marimba und präpariertes Klavier.

Morgenjournal | 17 02 2020

Judith Hoffmann

Mitte des 16. Jahrhunderts erhebt sich das niederländische Volk gegen die oppressive spanische Herrschaft und verlangt Religionsfreiheit und ein Ende der Gewalt. Zwischen den Fronten: Graf Egmont, loyal zur spanischen Krone, und trotzdem glühender Fürsprecher der Aufständischen für Freiheit und Frieden. In der spanischen Statthalterin Margarete von Parma findet er zunächst eine Verbündete, doch bald wird sie durch den wesentlich brutaleren Herzog von Alba abgelöst und ermordet. So beginnt ein Politthriller, der von Machtbesessenheit, Verrat und Rache handelt, aber auch von unerschütterlichem Idealismus und einer innigen Liebe zwischen Egmont und seiner Mitstreiterin Clara.

Figuren mit Profil und Entschlossenheit

Der Komponist Christian Jost antwortet auf Beethovens wuchtige Schauspielmusik mit nicht minder imposanten, pulsierenden Klangskulpturen, aus denen sich zarte, ruppige oder wild-entschlossene solistische Linien abzeichnen, je nach Charakter der einzelnen Figuren.

"Ich lebe beim Komponieren mit diesen Figuren, sie gehen zum Beispiel auch durch meine Wohnung", erzählt der Komponist Christian Jost. Goethes naiv-träumerische Titelfigur erhält in seiner Neufassung ein deutlich schärferes Profil und einen kritischeren Geist, aus dem Clärchen ist eine ihm ebenbürtige Clara geworden, und die Handlung verweist unmissverständlich auf aktuelle politische Umstände.

Bo Skovhus (Herzog Alba)

APA/THEATER AN DER WIEN/MORITZ SCHELL

Bo Skovhus (Herzog Alba)

Kunst mit Haltung

"Dadurch, dass sich die Welt in den letzten Jahren so stark verändert hat - mit Trumps Präsidentschaft, oder jetzt ganz aktuell mit der Wahl in Thüringen -, ist das Stück politisch noch viel brisanter als ich je gedacht hätte", so Jost.

Dennoch schweben Libretto und Musik gleichsam entkoppelt von Zeit und Raum, erst Keith Warners Inszenierung konkretisiert und verortet sie, etwa in Margaretes Schlafgemach, an einer festlichen Tafel oder auf der Hirschjagd im Wald.

Geburtshilfe mit hoher Symbolkraft

Rund 20 Uraufführungen hat Keith Warner bereits auf die Bühne gebracht und sich dabei stets als eine Art "Geburtshelfer" verstanden, wie er sagt. Nicht interpretieren, sondern entdecken, laute der Auftrag.

Im Theater an der Wien kommt Warner ihm mit symbolträchtigen Bildkompositionen in Weiß, Schwarz und Grau nach. Schwarze Kraniche gleiten als stumme Todesbringer über die Bühne, gefährlich aus dem Lot geratene weiße Gefängniszellen zeugen von der Einsturzgefahr einer ganzen Gesellschaft, die sich offenbar nur noch äußerlich durch perfekt geschnittene Haute-Couture-Mäntel aufrechthält.

Clara - Geliebte, politische Triebfeder und Schicksalsengel

Inmitten der drohenden Apokalypse unternimmt ausgerechnet Clara einen letzten verzweifelten Versuch, Egmont doch noch vor der Hinrichtung zu bewahren, indem sie Herzog Albas Sohn Ferdinand die Süße der Freiheit glaubhaft vor Augen führen will. Ob es gelingt, bleibt, wie so vieles an diesem Abend, in wunderbar poetischer Schwebe.

Die Gleichung scheint also so einfach wie einleuchtend: Goethes "Egmont", reduziert um seine sprachliche Sturmflut und zahllosen Nebenfiguren, ergibt ein schlankes, hochbrisantes Politdrama von heute - und genügend Raum für neue Fluten auf der Bild- und Tonebene.

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