Innenstadt von Baku

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Aserbaidschan - Ein Land im Umbruch

Vom 21. bis 29. März steht Ö1 ganz im Zeichen von "Nebenan: Aserbaidschan".

Hinterland

ORF/SABINE NIKOLAY

Aserbaidschan zieht sich von den hohen Bergen des Kaukasus bis ans Kaspische Meer, wo der graue Sandboden der Halbinsel Abşeron einst den Meeresgrund bildete. Bis heute findet man dort versteinerte Muscheln und Schnecken.

Rund um die schillernde Metropole Baku erheben sich im Grenzgebiet zwischen hohen Bergen und flachem Land einige teilweise noch aktive Vulkane. Sie bilden eine Mondlandschaft, in der aus vielen Löchern heißer Schlamm aus dem Boden blubbert. Früher loderten entlang der Küste Tausende Feuer: Erdgas, das aus Gesteinsspalten hervortrat und sich in der Sonne entzündete. Darunter liegen riesige Erdölvorkommen, denen Aserbaidschan den Wohlstand verdankt - und die zarathustrische Religion.

Heiligtum Atashgah

Zarathustra stammte aus dem heutigen Iran und gilt als Gründer der ersten monotheistischen Religion, die die Vernunft und das Gute im Menschen ins Zentrum stellte. Außerhalb von Baku steht ein ehemals zarathustrisches und später hinduistisches Heiligtum: Atashgah, eine komplett erhaltene Tempelanlage, heute Tourismus-Hotspot. Die Gebäude fielen fast der Gier nach Öl zum Opfer, als Ende des 19. Jahrhunderts hölzerne Bohrtürme bis an die Mauern des Tempels gebaut wurden. Inzwischen sind die Feuer längst erloschen, das "ewige" Feuer von Atashgah speisen Gasleitungen.

Brüder von Alfred Nobel

Das Land verfügt über fruchtbare Böden, auf denen Wein, Oliven, Granatäpfel und Gemüse gezogen werden, ausgedehnte Weiden für Schafe und Rinder und dichte Wälder, die für den Aufstieg von Aserbaidschan verantwortlich waren: Die Brüder des Dynamiterfinders und Preisstifters Alfred Nobel, Ludvig und Robert, betrieben eine Gewehrfabrik in Russland. Auf der Suche nach Holz für Gewehrkolben kamen sie nach Aserbaidschan, wo sie die Bedeutung des Erdöls erkannten. Sie legten mit dem Bau von Fabriken und Raffinerien das Fundament für ihren Reichtum - und für den Aufstieg Bakus zur glänzenden Metropole. Bis heute stehen die prunkvollen Palais der Ölbarone entlang des Neftchilar-Prospekts (Erdöl-Boulevards) am Meer.

Neubauten in Aserbaidschan

ORF/SABINE NIKOLAY

1921-1991 Teil der Sowjetunion

Danach kamen Planwirtschaft und langsamer Verfall: Von 1921 bis 1991 gehörte Aserbaidschan zur Sowjetunion. Bis heute ist überall neben der Turksprache Aseri Russisch zu hören. Nach den politisch instabilen 1990er Jahren, die vom Krieg gegen Armenien überschattet waren, ist heute Stabilität eingekehrt. Dank des Ausstiegs aus den postsowjetischen Verträgen, die die alleinigen Rechte an der Verwertung der Ölreserven großen internationalen Firmen überlassen hatten, ist das Land heute wirtschaftlich im Plus.

Die mit fester Hand regierende Familie Aliyev hat dem Land Modernisierung verordnet. Baku ist wieder eine pulsierende Hauptstadt, ein Bauboom sorgt für ständige Veränderung. Einkaufszentren und Luxushotels entstehen ebenso wie Bürotürme und teure Wohnviertel.

Sabine Nikolay zeigt auf den Jungfrauenturm

ORF

Sabine Nikolay zeigt auf den Jungfrauenturm

Weltkulturerbe Jungfernturm

Baku verfügt inzwischen über eine beeindruckende Skyline, über der Altstadt leuchten die Flame Towers: Luxushotel, Büros und Luxusresidenzen. Die Altstadt mit dem Wahrzeichen der Stadt, dem Jungfernturm, besteht seit dem 12. Jahrhundert. Seit dem Jahr 2000 ist sie UNESCO-Weltkulturerbe. Jenseits der Prachtboulevards aber liegen bescheidene Gebäude und holprige, schmutzige Straßen. Die Armenviertel und ärmlichen Trabantenstädte am Rand der Metropole verschwinden hinter Mauern im Stil des Tempels von Atashgah.

Religion gilt in Aserbaidschan als Privatsache. Christ/innen, Muslim/innen und zarathustrische Parsen und Parsinnen leben friedlich zusammen. Wer aufmerksam durch die Straßen Bakus geht, sieht jedoch zunehmend Frauen, die ein Kopftuch tragen, und auch nicht mehr jeder Mann schüttelt einer Frau zur Begrüßung die Hand. Die Aseris sind auf der Suche nach ihrer Geschichte und ihren Traditionen. Religion und Musik spielen dabei eine wichtige Rolle.

Das Nezami-Festival

Vor zwei Jahren wurden in Şamaxı, der alten Hauptstadt, ein historisches Museum eröffnet, die alte Moschee aus dem 10. Jahrhundert renoviert und das Grab des Mystikers Nezami, der der Überlieferung nach aus Şamaxı stammte, für Besucher/innen zugänglich gemacht. Alljährlich findet nun das Nezami-Festival statt, bei dem heimische Kunstschaffende mit ausländischen zusammentreffen. Immer mit dabei: Kameras und Fotoapparate der regimetreuen Medien. Über das Ereignis wird im staatlichen Fernsehen groß berichtet - ausländischen Journalist/innen begegnet man dabei eher nicht.

Moschee in Bakus Altstadt

Moschee in Bakus Altstadt

ORF/SABINE NIKOLAY

Und dann noch: das Hinterland. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Dörfer, Weideflächen und kleine landwirtschaftliche Betriebe bilden einen Gegenpol zur pulsierenden Metropole Baku. Auf dem Weg durch die Berge fährt man immer wieder auf überlebensgroße Bildnisse des ehemaligen und derzeitigen Staatspräsidenten zu: Heydar und Ilham Aliyev sind überall.

Gestaltung

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