Daphne Hruby und ihr Partner beim Paragleiten

ORF/DAPHNE HRUBY

No risk, no fun - Zum Phänomen der Extremsportarten

Den Helm aufgesetzt, die Skier angeschnallt und schon geht es los. Das Paar fährt den Steilhang hinab. Doch anstatt ins Tal zu wedeln, heben die beiden plötzlich ab. Ihre Beine baumeln samt Skiern 2.200 Meter über dem Erdboden. Unter ihnen ziehen verschneite Berggipfel, Bäume und Häuser in Ameisenformat vorbei. Die zwei betreiben Paragliding.

Diese Sportart galt lange Zeit als eine der riskantesten. Heute - dank verbesserter Technik - wird Gleitschirmfliegen auch von immer mehr Amateurathleten betrieben. Aber nicht nur Sportbegeisterte interessieren sich dafür. Viele Menschen begeben sich auf der Suche nach einem Adrenalinrausch in luftige Höhen.

Die Menschen wollen 150 Prozent Risiko eingehen, aber 100 Prozent Sicherheit.

Werner Burger ermöglicht ihnen mit seinem Paragleit-Unternehmen "Flying for 2" im Vorarlberger Montafon "den Urtraum des Menschen zu leben", wie er es nennt. "Schon Ikarus hatte den Wunsch zu fliegen. Irgendwo sind halt die Wachsflügel geschmolzen, aber er hat es zumindest probiert."

Dieses Szenario möchte der 62-Jährige auf jeden Fall verhindern. Dafür beobachtet er das Wetter ganz genau. Bläst der Wind über 25 km/h, hebt er nicht ab - dasselbe gilt bei Turbulenzen und Föhn. "Oft verlangen dann die Leute: Ja aber, können wir nicht doch fliegen? Der Druck ist dann schon ab und zu da, dass man starten sollte. Aber darauf lasse ich mich nicht ein. Ich kenne die Konsequenzen, wenn etwas schiefgeht. Die Menschen wollen 150 Prozent Risiko eingehen, aber 100 Prozent Sicherheit - das lässt sich oft nicht verbinden."

Ein Indonesischer Extremsportler auf einer Slackline über Klippen

AFP/TIMUR MATAHARI

Wie schnell es zu einem Unfall kommen kann, weiß auch David Engstler. Der Heilmasseur hat sich einer noch extremeren Variante des Paragleitens verschrieben: Speed-Flying. Hier ist man mit einem kleineren Schirm und deswegen auch um einiges schneller unterwegs. Die Durchschnittgeschwindigkeit liegt bei 70 km/h - in Kurven erreicht man mehr als 120 km/h.

Beim Fliegen verspüre er ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Durch akrobatische Kunststücke hole er sich dann noch den ultimativen Kick. Doch das braucht viel Übung und starke Nerven. "Ich wollte unbedingt ein Extremflugmanöver meistern, bei dem man den Schirm unter sich zieht und darüber springt. Doch anstatt mir Zeit zu lassen, habe ich es mit Gewalt erzwungen." Das hat sich gerächt. "Ich bin in den Schirm hineingefallen, war wie ein Stein ins Tuch eingewickelt", erinnert sich Engstler. Plötzlich habe er nicht mehr gewusst, wo oben und unten sei. Der Boden kam mit rasender Geschwindigkeit immer näher. "Ich habe alles in Zeitlupe wahrgenommen."

David Engstler hatte großes Glück: er konnte sich schließlich befreien und landete in einem See. Wäre er auf dem Erdboden aufgeschlagen, säße er jetzt wohl nicht mehr hier. "Das war wirklich eine leichte Nahtoderfahrung", sagt er, aufzuhören stehe für ihn dennoch nicht zur Debatte.

Wer ein Risiko will, muss es sich heute quasi künstlich erschaffen.

Der Risikosport boomt. Immer mehr Menschen betreiben ihn, immer mehr Menschen verfolgen ihn gebannt in den Medien. Dieser Trend ist unserer Zeit geschuldet, berichtet Christoph Bertling - Lektor am Institut für Kommunikations- und Medienforschung an der Sporthochschule Köln. Heute werde alles um uns herum immer komplexer, die Leute hätten das Gefühl die Kontrolle über sich und ihr Leben zu verlieren. "Und deshalb ist man auf der Suche nach einfachen Settings - ich gegen den Berg zum Beispiel. Konnten sie diesen bezwingen, gibt ihnen das das Gefühl selbst etwas geleistet zu haben und wieder ein Stück weit selbst über ihr Schicksal zu bestimmen."

Der Gipfelsturm, der Grenzgang ist uns Menschen inhärent, sagt Bertling. Im selben Atemzug leben wir in Europa in einer vergleichsweise sehr sicheren Welt voller bürokratischer Regeln. Daraus gezielt und kurzzeitig auszubrechen, habe durchaus seinen Reiz. Wer Risiko wolle, müsse es sich heute quasi künstlich erschaffen. Der Extremsport bedient genau dieses Bedürfnis.

Die Einstufung, was als Risikosportart gilt, wird von Versicherungen getroffen. Sie verlangen je nach Verletzungsgefährdung eine höhere Prämie. Als absolutes Wagnis gilt laut ihnen etwa: mit speziellen Fahrrädern - sogenannten Downhill-Bikes - steile Berghänge hinab zu brettern, in mehr als 40 Metern Tiefe zu tauchen oder sich mit fledermausartigen Fluganzügen - im Fachjargon: Wing-Suits - von Klippen zu stürzen.

Dabei verletzen sich Risikoathletinnen und Risikoathleten im Schnitt nicht öfter, als Menschen, die weniger extremen Sportarten nachgehen, weiß Peter Gröpel, Sportpsychologe am Institut für Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Wien. Kommt es allerdings zu einem Unfall, dann sind die körperlichen Schäden bei Extrembergsteigern, Gleitschirmfliegerinnen und Co um ein Vielfaches gravierender. Ein Fallschirmspringer hat beispielsweise ein zehnmal höheres Risiko zu sterben, als ein Skifahrer, so Peter Gröpel.

Ein Mann schwebt in der Luft

Auch Sky diving gehört zu den Risikosportarten.

AFP/MANAN VATSYAYANA

Im professionellen Bereich dreht sich die Leistungsspirale immer weiter. Hier spielen Sponsoren eine große Rolle. In konventionellen Disziplinen wie etwa im Fußball oder bei Skiabfahrten werden regelmäßig Wettkämpfe ausgetragen und es gibt auch bedeutend mehr Verbände - und Geld.

Der Risikosport findet meist im Rahmen von spektakulären Großereignissen statt, die zwar medial stark gehypt werden, dann aber schnell wieder aus der öffentlichen Berichterstattung verschwinden. Je aufsehenerrenger der Rekord, desto lukrativer für das Unternehmen und letztlich auch für den Sportler. Damit steigt aber auch das Verletzungsrisiko. Ist eine Athletin länger nicht einsatzbereit, verliert sie mitunter ihren Vertrag - oder ihre Karriere ist gleich ganz zu Ende.

Der Risikosport hat sich längst zu einer gutfunktionierenden Industrie entwickelt - entsprechende Medien und Konsumprodukte inbegriffen. "Heute steht auch nicht mehr so sehr der einzelne Sportler im Vordergrund, der für sich selbst die Grenzen ausgelotet. Sondern die Athletinnen und Athleten werden natürlich auch von hinten in gewisser Weise angetrieben. Die Grenzen im Risikosport haben sich aus wirtschaftlichen Interessen sehr stark verschoben. Und das sorgt natürlich auch für tragische Momente und starke Verletzungen bis hin zu Todesfällen", gibt Bertling zu bedenken.

Gestaltung: Daphne Hruby