Frau mit brauenen Locken lächelt in die Kamera

KARIN OHLENDORF

Neuer Roman von Nava Ebrahimi

Viele halten sie für eine der aufregendsten Schriftstellerinnen deutscher Sprache: Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, lebt seit einigen Jahren in Graz. Jetzt hat die studierte Wirtschaftswissenschafterin ihren zweiten Roman vorgelegt: "Das Paradies meines Nachbarn". Ein Ereignis.

Morgenjournal | 24 02 2020

Günther Kaindlstorfer

Es war die Liebe. Vor knapp einem Jahrzehnt hat Nava Ebrahimi an einer Bushaltestelle im ostdeutschen Dessau ihren Mann, einen steirischen Astrophysiker, kennengelernt. Eine romantische Begegnung mit Folgen: Seit 2012 lebt und schreibt die Tochter iranischer Exilanten in Graz. Und wie sie schreibt.

Für ihren Erstlingsroman "Sechzehn Wörter" ist sie mit dem Debütpreis des "Österreichischen Buchpreises" ausgezeichnet worden. Auch in ihrem zweiten Roman zeigt die 41-Jährige, warum viele sie für eine der aufregendsten Gegenwarts-Schriftstellerinnen deutscher Sprache halten. Im Zentrum von Ebrahimis aktuellem Buch steht ein exzentrischer Münchner Star-Designer namens Ali Najjar, Exil-Iraner wie seine Erfinderin.

Kulturjournal | 24 02 2020 - Nava Ebrahimi im Gespräch über den ambivalenten Protagonisten ihres neuen Romas, über Trumps Iran-Politik und über die Ängste der iranischen Bevölkerung beim Gedanken daran, das Regime zu überwinden.

Günter Kaindlstorfer

Ein erfolgreiches Arschloch

Ali Najjar, der von sich behauptet, einst als Kindersoldat im Iran-Irak-Krieg eingesetzt worden zu sein, ist seiner Selbsteinschätzung nach ein "erfolgreiches Arschloch". Seine Lebensmaxime: "Nie wieder Opfer. Und wenn ich kein Opfer sein will, muss ich Täter sein."

Die vulgärdarwinistische Survival-Philosophie, die Ebrahimis Protagonist aus dem Ersten Golfkrieg nach Deutschland mitgebracht hat, leistet ihm auch im neoliberalen Wirtschaftsalltag von heute gute Dienste: Als Kreativchef einer Münchner Design-Agentur entwirft Ali nicht nur kultige Zitronenpressen, er fackelt auch nicht lange, wenn es gilt, Kolleginnen zu mobben und minderbegabte Mitarbeiter mit kessen Sprüchen auf die Straße zu setzen. Nava Ebrahimi hat eine faszinierende Hauptfigur kreiert, einen brillanten Widerling, der alles dafür tut, nur ja nicht den schwachen, zur Dankbarkeit verpflichteten Asylperser geben zu müssen.

Designer in Dubai

"Natürlich muss man eine solche Figur dekonstruieren", sagt Ebrahimi, sonst könnte sich kein spannender Plot entwickeln. Und so schubst die Autorin ihren Protagonisten in eine verstörende Identitätskrise. Ali Najjars geliebte Mutter in Teheran stirbt, worauf sich sein persischer Stiefbruder bei ihm meldet und den Designer um ein Treffen in Dubai bittet. In der Retorten-Metropole am Persischen Golf laufen die Dinge dann in bedenklicher - und für das Publikum amüsanter - Weise aus dem Ruder.

Hinreißend intelligent

"Ich habe den Anspruch, dass ein guter Roman Gewissheiten in Frage stellen muss", erklärt Nava Ebrahimi: "Wenn der Leser eines meiner Bücher zuklappt, sollte er anderswo stehen als zu Beginn der Lektüre." Selbiges hat natürlich auch für das literarische Personal zu gelten, und so versteht sich von selbst, dass Ebrahimi ihren arschlochhaften Helden im Verlauf seiner Abenteuer in Dubai City eine folgenschwere Transformation durchleben lässt, wie übrigens auch seinen Begleiter, ein zweiten Designer mit iranischen Wurzeln, der Ali Najjar gezwungenermaßen an den Golf begleitet.

Nava Ebrahimi ist eine begabte und hinreißend intelligente Schriftstellerin. Die gebürtige Iranerin vermag faszinierende Figuren zu erschaffen und mit einigen wenigen Strichen überzeugende Szenen zu kreieren. Sie schreibt klug, witzig, originell und mit existenziellem Tiefgang. Es gibt nicht viele ihresgleichen unter den deutschsprachigen Autorinnen von heute.

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Nava Ebrahimi, "Das Paradies meines Nachbarn", Roman, btb-Verlag, München, 220 Seiten

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