Lutz Seiler

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Lutz Seiler erhält Leipziger Buchpreis - im Radio

Die Leipziger Buchmesse ist abgesagt, nicht aber der Preis der Leipziger Buchmesse. Der wurde am Donnerstag zum vorgesehenen Zeitpunkt vergeben, allerdings nicht in der großen Glashalle auf dem Messegelände, sondern im Hörfunk - an Lutz Seilers Roman zur Nachwendezeit "Stern 111".

Im Rahmen der Sendung "Lesart" des Deutschlandfunks wurde der Sieger verkündet. Beim Frühstück hat dann Lutz Seiler erfahren, dass sein Roman mit dem renommierten Literaturpreis ausgezeichnet wird. Es ist der zweite Roman des 56-Jährigen und schon die zweite große Auszeichnung: Für sein Debüt "Kruso" hatte er 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten.

Morgenjournal | 13 03 2020

Kristina Pfoser

Bilder vom Mauerfall

Die Bilder der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 sind noch eindrücklich in Erinnerung: Die "Mauerstürmer" vor dem Brandenburger Tor, Jubel und Freudentaumel, tanzende Menschen auf dem sogenannten antifaschistischen Schutzwall - westliche Bildmedien inszenierten das Ereignis als "Happy End" eines langen Konflikts.

"Diese Fotos waren für mich eine Art Beobachtungshindernis, weil ich eben auch andere Gefühle habe, wenn ich an diese Zeit zurückdenke", sagt Lutz Seiler, "die ganze Ärmlichkeit und das Prekäre dieser Situation, wenn es darum ging, sich irgendwie durchzuschlagen, Geld zu verdienen, irgendwo zu wohnen, und diese andere Seite wollte ich gern miterzählen. Und nachdem ich mir klargemacht hatte, ging das auch."

Kulturjournal | 13 03 2020 - Lutz Seiler im Gespräch

Kristina Pfoser

Ein Mikrokosmos in der Assel

Lutz Seiler erzählt hier die Geschichte einer Familie, die sich gleich am Beginn des Romans auflöst: Die Eltern von Carl Bischoff machen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion "rüber in den Westen", der 26-jährige Sohn, ein ehemaliger Maurer, Studienabbrecher und Lyriker, der mit Lutz Seiler viel biografische Eckdaten teilt, bleibt zurück, verunsichert und desorientiert. Mit ihm landen die Leser und Leserinnen alsbald in der "Assel", dem Hauptschauplatz des Romans: eine Kellerkneipe in der Berliner Oranienburgerstraße, Treffpunkt für die Underground-Szene der Stadt - für Künstler und Anarchisten, für Hausbesetzer und Prostituierte, ein Mikrokosmos, in dem sich die gesellschaftlichen Umbrüche der Nachwendezeit spiegeln.

Experimentierfeld für soziale Utopien

Es ist ein atmosphärisch dichtes Panorama einer rund fünf Jahre währenden Ausnahmesituation, das Lutz Seiler hier plastisch erstehen lässt, eine Stadt als Experimentierfeld für soziale Utopien. Und zwischen Revolutionsromantik und Chaos versucht Carl, sich poetisch zu verorten und wie er das macht, da weiß sich Lutz Seiler eins mit ihm. "Mir ging es so wie Carl, der immer lauschen muss, er lauscht, was geschieht, er spricht seine Verse vor sich bin, und das Ohr ist die letzte Instanz: Das Ohr kontrolliert, ob der Text stimmt." - Und es stimmt auch wirklich alles Lutz Seilers "Stern 111".

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Lutz Seiler, "Stern 111", Suhrkamp

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