Buchausschnitt

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Todesfuge - Celans poetisches Aushängeschild

Das Jahr 2020 ist auch ein Celan-Gedenkjahr. Vor 100 Jahren wurde Paul Celan als Paul Antschel geboren, vor 50 Jahren verstarb der Dichter und Schöpfer der berühmten "Todesfuge". Aus diesem Anlass hat der deutsche Literaturwissenschaftler Thomas Sparr ein Buch über die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Jahrhundertgedichts geschrieben. "Todesfuge - Biographie eines Gedichts".

Kulturjournal | 18 03 2020 | Thomas Sparr im Gespräch

Judith Hoffmann

Schon der Einband stellt eine tiefe Verneigung vor dem Dichter und seinem Werk dar. Auf schwarzem Hintergrund, umspielt von einem angedeuteten Sternenhimmel, strahlt in zarter Silberprägung der Titel dieses Jahrhundertgedichts, wie es oft genannt wird. "Die Todesfuge fasst die Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts zusammen: Die Erfahrung der Verfolgung von Millionen europäischer Juden, die das erste Mal dichterisch Gestalt angenommen hat in diesem Text", sagt der Autor Thomas Sparr.

Paul Celan

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Paul Celan

Klein-Wien der Donaumonarchie

Den genauen Geburtstermin der "Todesfuge" - wohl zwischen Herbst 1944 und Frühjahr 1945 - konnte auch er trotz intensiver Recherchen nicht eruieren, wohl aber ihre zahlreichen Stationen und Wirkungsorte in der ganzen Welt, beginnend mit Celans Geburtsstadt Czernowitz, diesem sprachgewandten Klein-Wien der Donaumonarchie. "Ich glaube, dass Czernowitz eine literarische Metropole war, wie wir sie heute nie wiederfinden werden - mit sieben, acht verschiedenen Sprachen. Es war eine Stadt florierender Zeitungen, Übersetzungen, Dichtungen", so Sparr.

1945 reiste der junge Lyriker nach Bukarest, wo aus dem Nachnamen Antschel, das Anagramm Celan wurde, zwei Jahre später schlug er sich, staaten- und mittellos, nach Wien durch, wo er 1948 Ingeborg Bachmann kennenlernte, und von dort weiter nach Paris. Die "Todesfuge" wurde zu seinem poetischen Aushängeschild - übersetzt, in Anthologien veröffentlicht und diskutiert.

Schwarze Milch der Frühe

"Das Besondere an diesem Gedicht ist, dass es in der Gegenwartsform geschrieben ist, und es führt ganz eigene Bilder herbei. Dazu gehört diese 'Schwarze Milch der Frühe'. Selbst das Helle, das Hellste - die Milch - trübe wird."

Vielerorts stieß der Text allerdings auf Unverständnis. Schon 1945 wurde der Vorwurf laut, er sei von zu großer sprachlicher Schönheit. Anfang der 50er Jahre wurde Celan bei einer Lesung vor der Gruppe 47 sogar verlacht angesichts seiner eigenwilligen Vortragsweise. Erst mit den Jahren und der langsamen Aufarbeitung der NS-Verbrechen wuchs auch das Bewusstsein um dieses literarische Zeugnis nationalsozialistischer Grausamkeit, erklärt Thomas Sparr.

Buchcover

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Geistesgeschichte eines verwundeten Europas

"Für all diese Schrecken in den Lagern, diese Gräberlosigkeit, gab es eben noch lange keinen Begriff. Der Begriff des Holocausts, der Shoah oder des Zivilisationsbruchs - diese Begriffe sind alle viel später entstanden", so der Autor. "Wir hatten ein einziges Gedicht, das davon Kunde gab. Alle Elemente dieses Gedichts lassen sich auf das Universum der Konzentrationslager zurückbeziehen."

Von Paris bis Stockholm, von New York bis Jerusalem, von Stuttgart bis Westberlin reichen die Wirkungsorte der "Todesfuge", die Thomas Sparr in seinem Buch beschreibt und zu einer biografischen Landkarte verknüpft. Ganz nebenbei erzählt er auch höchst aufschlussreich die Kultur- und Geistesgeschichte eines verwundeten, geteilten Europas und eröffnet mit zahlreichen Querverbindungen, Zitaten und Bildern einen faszinierenden Blick auf einen der größten Texte des letzten Jahrhunderts.

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Thomas Sparr, "Todesfuge - Biographie eines Gedichts", DVA

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