Mann und Frau auf der Bühne in alten Kostüme

AP/KIRSTY WIGGLESWORTH

Hilary Mantels preisgekrönte Tudor-Trilogie

In der anglophonen Literaturwelt ist es wohl die Neuerscheinung dieses Bücherfrühlings: Mit "Spiegel und Licht" hat die britische Autorin Hilary Mantel ihre Thomas-Cromwell-Trilogie abgeschlossen, ihr Opus Magnum über das England des 16. Jahrhunderts, die Zeit der Tudors.

Für "Wölfe" und "Falken", die beiden ersten Bände, hat sie gleich zwei Mal den Booker-Preis gewonnen - sie war die erste britische Autorin in der Geschichte dieser renommierten Auszeichnung, der diese doppelte Ehre widerfuhr. Zwei Wochen nach dem englischen Original von "The Mirror and the Light" ist jetzt die deutsche Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence erdschienen.

Als Königin des historischen Romans wird Hilary Mantel gefeiert, ihr Konzept erklärt sie kurz und bündig. "Der Historiker erzählt uns, was passiert ist, der Romancier erzählt uns, wie sich das angefühlt hat." Wie fühlt es sich also an - das Leben in der Ära von Heinrich dem VIII. Tudor, in einer Zeit, die - wie Hilary Mantel sagt - alles hat, was die Menschen bis heute fasziniert? Und sie zählt auf: Melodrama, Verrat, Verführung, Sex und gewaltsamen Tod. Am Beispiel des englischen Staatsmannes Thomas Cromwell, dem Berater und Vertrauten von Heinrich dem VIII., zeichnet Hilary Mantel das Bild einer Epoche und ein Porträt der Macht.

Wie hat Cromwell das geschafft?

"Was immer man von ihm hält, seine Geschichte ist faszinierend", meint Hilary Mantel, "Cromwell war der Sohn eines Schmieds, d.h. er kam aus armen Verhältnissen. Er wurde zum Grafen und zur Rechten Hand des Königs - in einer der turbulentesten Dekaden der englischen Geschichte. Da fragt man sich: Wie hat er das geschafft?"

Wie er das geschafft hat, das hat Hilary Mantel - in "Wölfe" und "Falken" - so die beiden ersten Titel der Trilogie - nachgezeichnet: den Aufstieg Cromwells, die Intrigen am Hof von Heinrich dem VIII., bis zur Hinrichtung von dessen zweiter Frau Anne Boleyn. Vier Jahre später starb Cromwell selbst auf dem Schafott.

Ein Maximum an Unklarheit

Von diesen vier Jahren erzählt Hilary Mantel nun in "Spiegel und Licht" auf 1.100 Seiten - konsequent im Präsens und aus der Perspektive Cromwells, also mit seinem Blick und seinen Emotionen, und so begegnen wir dem Earl of Essex nicht nur als skrupellosem und korruptem Machtpolitiker, sondern auch als charmantem und gebildetem Renaissancemenschen.

"Manche Leute meinten, dass ich zu verständnisvoll sei Cromwell gegenüber", sagt Hilary Mantel, "aber ich habe auf ein Maximum an Vieldeutigkeit und Unklarheit gesetzt. Es gibt so viele Versionen der Wahrheit. Ich selbst habe keine eindeutige Meinung über Cromwell, also: alles ist offen, bis zum letzten Satz im letzten Buch."

Ein Meisterstück

Die Leser sollen ihre eigenen Schlüsse ziehen, sagt Hilary Mantel. Sie wollte sich nicht einmischen und sagen: Das hat Cromwell falsch gemacht, oder das hätte er anders machen sollen, das wäre zu einfach. Ihr sei es darum gegangen, die Komplexität der ganzen Geschichte deutlich zu machen. Mit Cromwell ist Hilary Mantel bis heute nicht fertig, gesteht sie, auch nicht nach den 2.000 Seiten der Trilogie, aber jetzt sind die Leser und Leserinnen an der Reihe.

Die britische Kritik überschlägt sich bereits vor Begeisterung. "Ein Meisterstück", schwärmte der "Guardian", Hilary Mantel habe neu definiert, wozu der historische Roman fähig ist. Und "The Times" meinte: neben "Spiegel und Licht" erscheinen 99 Prozent der zeitgenössischen Belletristik völlig blass und blutlos.

Service

Hilary Mantel, "Spiegel und Licht", Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence, Dumont
Originaltitel: "The Mirror and the Light"

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