Karl Kraus auf dem Buchcover

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Jens Malte Fischers "Karl Kraus"

Jens Malte Fischers "Karl Kraus - Der Widersprecher" ist das Ö1 Buch des Monats April.

Muss man Karl Kraus vor dem Vergessen retten? Ganz abwegig ist die Frage nicht, denn so sehr er im Kanon der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts verankert ist, so wenig ist er mit seinen Aufsätzen, Polemiken und mit seinem Drama "Die letzten Tage der Menschheit" im öffentlichen Bewusstsein präsent. Karl Kraus droht das Ehrengrab der Literaturgeschichte: nie ganz vergessen und doch ungelesen.

Ex libris | 29 03 2020 | Gespräch mit Jens Malte Fischer

Günter Kaindlstorfer

Der Literaturhistoriker Jens Malte Fischer versucht nun mit seiner umfangreichen Biografie "Karl Kraus - Der Widersprecher" den Schriftsteller vor dem Vergessen zu bewahren und zu zeigen, welche Kraft und welcher Einfluss einmal von einem Intellektuellen - oder sagen wir: von einem Einmischer und Widersprecher ausgegangen ist, der sich nicht um Beliebtheitswerte scherte und keinem Konflikt auswich.

Zugleich geht Fischer Fragen nach, die Karl Kraus vor allem posthum als eine widersprüchliche Person haben erscheinen lassen. Sein Verhältnis zum Judentum etwa, dem er entstammte, wurde dem "jüdischen Selbsthass" zugeordnet. Seine Attacken auf die politisch liberale Wiener "Neue Freie Presse", nicht aber auf die völkisch-nationalen und antisemitischen Blätter? Sein Eintreten für Engelbert Dollfuß oder seine Haltung gegenüber Hitler, zu dem ihm angeblich nichts mehr einfiel.

Viele dieser Fragen führt Jens Malte Fischer einer Antwort zu, manches bleibt offen, auch deshalb, weil man bestimmte Haltungen nur aus der Zeit heraus verstehen und nicht mit gegenwärtigen Maßstäben messen kann.

"Karl Kraus. Der Widersprecher" - ein großartiges Buch über einen schwierigen wie hellsichtigen Intellektuellen, und gleichzeitig eine Geistesgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts.

Service

Jens Malte Fischer: "Karl Kraus - Der Widersprecher", Biografie, Zsolnay Verlag

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