Drei Männer in Pullover posieren

ORF/RAINER ELSTNER

Zeitgenössische Musik aus Aserbaidschan

Das Konzertleben Aserbaidschans leidet im Bereich Neue Musik an Unterbudgetierung – große Festivals zeitgenössischer Musik werden im Moment nicht mehr unterstützt, es gibt kein fixes Ensemble für Experimentelles. Der Schwerpunkt des Kulturministeriums liegt eher auf Hochglanz-Events und auf Mischfestivals wie das Nasimi-Festival.

Trotz dieser für Neue Musik schwierigen Bedingungen formiert sich eine Gruppe junger Komponisten, von denen die meisten gerade aus dem Ausland von ihren jeweiligen Kompositionsstudien zurück nach Baku gekommen sind. Sie bringen ihre Erfahrung mit und verknüpfen sie mit der faszinierenden Musiktradition Aserbaidschans.

Zulfiyya Shafiyeva und Ilaha Israfilova arbeiten an der Musikakademie in Baku

Zulfiyya Shafiyeva und Ilaha Israfilova arbeiten an der Musikakademie in Baku

ORF/RAINER ELSTNER

Frauen an Schlüsselpositionen

Wichtige Stellen im Musikleben in Aserbaidschan sind von Frauen besetzt – die Präsidentin des Komponistenverbandes ist Frangis Ali-Sadeh, die Jugend-Sektion leitet Ilaha Israfilova. Sie ist die Tochter der bekannten Mugam-Sängerin und -Lehrerin Zumrud Mammadova.

Firudin Allachverdi gehört mit Turkar Gasimzada (er unterrichtet derzeit an der Universität in Kuwait), Said Gani, Ayaz Gambarli und Tahir Ibishov zu dieser Gruppe junger Komponierender, die sich beim Studium und im Kreis von Elmir Mirzoev kennen gelernt haben. Sie sind die junge Boy-Group der Aserbaidschanischen Komponistenszene.

Wegbereiter Elmir Mirzoev

Wichtig war für sie der Komponist und Publizist Elmir Mirzoev, der derzeit in Berlin lebt. Er hat Festivals organisiert, ein Ensemble für zeitgenössische Musik mitbegründet und war ein wichtiger Lehrer. "Er hat uns mit zeitgenössischer Musik bekannt gemacht", so Ayaz Gambarli. "Zu dieser Zeit haben wir die europäischen Komponisten nicht gekannt, die ab den 1950er Jahren gewirkt haben. Er war auch der Organisator des Sonor Music Ensembles. Ich habe fast alle diese Konzerte gehört. Das hat mir geholfen, mit den Komponisten zeitgenössischer Musik vertraut zu werden. Mirzoev hat eine ungemein wichtige Rolle in unserem Leben gespielt."

Gambarli ist bei internationalen Wettbewerben äußerst erfolgreich – auch in Österreich: Einen Ersten Preis gab es für ihn beim Mauricio Kagel Kompositionswettbewerb für Klavier in Wien, ebenso beim Wettbewerb "Franz Schubert und die Musik der Moderne" in Graz im Jahr 2014.

Konzertsaal

Konzertsaal in der Musikakademie in Baku

ORF/RAINER ELSTNER

Russischer vs. französischer Einfluss

Es gibt in Aserbaidschan eine starke Tradition von Komponierenden, die ihren Stil von der russischen Tradition ableiten – einige der heute prominentesten Komponisten sind Enkel-Schüler von Schostakowitsch. Gambarli sieht sich in einer anderen Traditionslinie. "Wir hatten hier eine Tradition, aserbaidschanische Musik mit der Musik im Stile von Schostakowitsch zu vermischen", erzählt Gambarli. Das funktioniert für ihn nicht: "Die aserbaidschanische Mugam-Musik gewährt den Interpreten sehr viele Freiheiten, es gibt keine fixierten Rhythmen. Aber Schostakowitsch ist da klarerweise anders, da gibt es ganz präzise rhythmische Angaben und Strukturen."

Diese beiden Stile sind für Gambarli also zu konträr, um sie zu vermischen. Sein Lehrer, der letztes Jahr verstobene Arif Melikov, hat auch aserbaidschanische Mugam-Musik verwendet, "aber er hat sie mit einer Art Debussy-Stil vermischt". Gambarli bezieht sich auf diese Tradition, nicht auf die Linie, die von Schostakowitsch ausgegangen ist.

Die Macht der Mugam-Musik

Verwendet Gambarli auch Modi aus der aserbaidschanischen Tradition? "Kann sein, aber es scheint so zu sein, dass es automatisch passiert. Unabsichtlich. Das ist auch ganz natürlich. Etwa in meinem Klavierstück 'Mirage' - in Stücken wie diesen kann man Modi finden, etwa die Mugams Schur oder Rast." Aber ohne Absicht: "Aufgefallen ist mir das nämlich erst, nachdem ich es komponiert habe".

Gambarli sieht seine Zukunft in Baku - auch wenn er durchaus andere Möglichkeiten hätte: "Ich möchte hierbleiben, um vielleicht einmal parallel zur Musikschule an der Akademie zu arbeiten. Ich möchte hier eine Karriere aufbauen. Es wäre für mich möglich, in die USA zu gehen, oder nach Europa. Aber hier habe ich einen Job, ich arbeite mit Kindern - und das ist ein wichtiger Teil meines Lebens".

Überleben mit Gebrauchsmusik

So wie Gambarli versucht auch Firudin Allahverdi sein Leben in Baku rund um seine Kompositionstätigkeit zu organisieren. Er komponiert viel für Theater und Film-Produktionen. In seinem jüngsten Werk für Tar und elf Solisten nutzt er den Klang dieses traditionellen Instruments. Eine Tar hat einen Resonanzkörper, der aussieht wie die Zahl Acht – mit zwei Ausbuchtungen. Die Vorderseite besteht nicht aus Holz, wie bei einer Gitarre, sondern aus Pergament von der Haut des Lammes.

"Sehriyar Imanov ist ein sehr guter Tar-Spieler", erläutert Allahverdi, "er ist ein Star seiner Generation. Imanov kennt die Mugam-Musik ebenso gut wie die europäische Musik. Auch im Jazz-Bereich kennt er sich aus. Wenn wir zusammenarbeiten, erkläre ich ihm einige Teile in der Sprache der Mugam-Musik, andere Teile erkläre ich ihm, als wäre das eine Improvisation eines Jazz-Solisten, die klassische Terminologie kennt er natürlich auch. Die Zusammenarbeit bei diesem Werk hat daher sehr gut geklappt".

Alte Melodien können nicht gestohlen werden

Allahverdis Stück "Tafsir" ist klanglich an die nahöstliche Musiktradition angelehnt - geschrieben für präpariertes Klavier, Violine, Cello und Klarinette. Das präparierte Klavier soll dabei wie traditionelle Instrumente klingen. Jeder der vier Instrumentalisten spielt eine Variation derselben Melodie – wie es in der traditionellen Musik des arabischen Raumes üblich ist. Zudem gibt es in diesem Raum regionale Unterschiede - an der Art und Weise, wie jemand eine bestimmte Melodie spielt, erkennt man, aus welchem geografischen Raum die Person kommt. In "Tafsir" treffen sich, so Allahverdi, Kulturen, die miteinander verwandt sind.

"Im kulturellen Bereich bestehen die größten Parallelen zum Gebiet des Iran und Armenien", so Allahverdi. "Wir haben für Jahrhunderte in einem Reich gelebt. Das erlaubt den Menschen aus Armenien und Aserbaidschan, die Musik des jeweils anderen zu verstehen. Wir können ästhetischen Genuss aus der Musik des jeweils anderen ziehen. Irgendjemand, vor mehreren Jahrhunderten, hat irgendwann zuerst diese bestimmte Melodie gespielt. Einem anderen Musiker hat diese Melodie gefallen und er hat sie mit kleinen Variationen übernommen." Man könne daher nicht davon sprechen, dass Kulturen einander Melodien gestohlen hätten, wie man es manchmal zu hören bekomme.

Arrangements für Rundfunkensembles

Said Gani hat zwei Jahre lang in Amsterdam studiert und das Studium im Ausland mit Hilfe seiner Eltern finanziert. Mittlerweise sei das Preisniveau auch in Aserbaidschan ähnlich, also hätte der Studienort keinen großen Unterschied gemacht.

Heute arbeitet er für den Aserbaidschanischen Rundfunk, macht Arrangements, Orchestration und Korrekturen für die Ensembles des Rundfunks – neben dem Orchester gibt es einen Erwachsenenchor, einen Kinderchor, ein Volksmusikensemble, ein Pop-Musik- und ein Estrada-Ensemble.

Opernhaus in Baku

Opernhaus in Baku

ORF/RAINER ELSTNER

Länderübergreifende Projekte

"Mystic" nennt die Komponistin Ilaha Israfilova eines ihrer jüngsten Werke. Es wurde bei einem Projekt präsentiert, das via Online-Stream ortsunabhängig gemeinsames Musizieren erlaubt - schon vor den Corona-Einschränkungen, von einem Land zum anderen - in diesem Fall Aserbaidschan und Estland.

"Es war das erste Mal, dass ich mit einem traditionellen Instrument gearbeitet habe, das nicht aus Aserbaidschan stammt", erzählt Israfilova. Es war dies ein Kannel, eine skandinavische Kastenzither. Schaut aus wie unser Kanun, klingt aber eher wie ein Cembalo". Aktuell arbeitet die Komponistin an einem prestigeträchtigen Auftrag, einem Ballett für die Oper in Baku.

Gestaltung

  • Rainer Elstner

Übersicht