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ORF/JOSEPH SCHIMMER

Geschichte und Geschichten

Ich erzähle jetzt etwas über Klassiker, zur Entspannung in angespannten Zeiten sozusagen: In der achten Klasse des Gymnasiums verlangte der Deutschlehrer von uns eine Literaturliste. Zwanzig Bücher, dachte er, würden wir im Lauf unseres Lebens ja schon gelesen haben. Er irrte sich, denn nur zwei Schüler erreichten das Limit.

Einer wurde später Redakteur der "Kleinen Zeitung". Der andere war ich, aber ich war ja als passionierter Schulschwänzer und Sitzenbleiber auch zwei Jahre älter als der Rest. Außerdem hatte ich im Alter von sechzehn Jahren im Geschäft eines dichtenden Papierwarenhändlers zur Literatur gefunden, ohne über Literatur Bescheid zu wissen.

Ich las Böll und Hesse, Handke und Borchert, Musil und Camus, Sartre, Calvino und Solschenizyn, ich las kreuz und quer, verstand vieles nicht, den Existenzialismus etwa, bekam aber ein Gefühl dafür, was einen guten von einem schlechten Text unterscheidet, wie man mit Sprache die Wirklichkeit durchdringen und diese manchmal auch dingfest machen kann, wie Literatur Erkenntnis herstellen kann. Ich war betrunken von Literatur, und es war mir egal, ob mir das im wirklichen Leben nützte oder nicht.

Das Entdecken von Literatur hat mit der Entdeckung der eigenen Persönlichkeit zu tun.

Mein Sitznachbar zum Beispiel teilte meine Leidenschaft nicht. Er vermochte die Vorgabe des Deutschlehrers nicht zu erfüllen, auch wenn er sämtliche Reclam-Hefte, die er zu Hause finden konnte, ins Treffen führte. Er versuchte es sogar mit dem Trick, sämtliche Kurzgeschichten, die in einem solchen Heftchen versammelt waren, als einzelne Buchtitel anzuführen, aber so dumm war der Lehrer auch wieder nicht. Konsequenzen gab es keine, denn viele Eltern liefen Sturm gegen die vermeintliche Schikane. Ihre Söhne, meinten sie, hätten schließlich Besseres zu tun, als Bücher zu lesen. Der Lehrer resignierte und nahm bei der Matura augenrollend zur Kenntnis, dass Brecht ein Barockdichter sei und Goethe ein Expressionist.

Den Gaul von hinten aufzuzäumen ...

Natürlich ist es Unfug, in einer solchen Situation die Lektüre von Klassikern einzufordern. Das Entdecken von Literatur hat mit der Entdeckung der eigenen Persönlichkeit zu tun. Elias Canetti soll als Kind schon Shakespeare gelesen haben, Sartre berichtet Ähnliches. Es stimmt schon, beide wurden später für den Nobelpreis auserkoren, aber daraus eine Regel abzuleiten halte ich für wenig zielführend. Hätte sich nicht zufällig der schrullige Papierhändler in unseren Ort verirrt, dann wäre die Literatur an mir abgeprallt wie die Fächer Physik, Chemie und Nachmittagsturnen. Die Heranführung junger Menschen an die Literatur über die Klassiker, also Goethe, Schiller, Herder, Grillparzer, Novalis etc. heißt den Gaul von hinten aufzuzäumen.

Der Pfeil der Zeit muss in die entgegen gesetzte Richtung abgeschossen werden: zuerst die Gegenwart entdecken, und dann die Herkunft. Und aus dem Wissen der Gegenwart wollen wir über Klassiker sprechen, über Karl Kraus, beziehungsweise über die Biografie von Jens Malte Fischer, über Ulrich Becher und dessen "New Yorker Novellen", über Edgar Lee Masters und "Die Toten" von Spoon River und über Martina Wied und deren wiederaufgelegten Roman "Das Asyl zum obdachlosen Geist". Dazu gesellt sich ein sehr gegenwärtiges Buch: "Das Paradies meines Nachbarn" von Nava Ebrahimi. Die wurde 1978 in Teheran geboren, lebt seit einigen Jahren in Graz. Für ihren Erstlingsroman Sechzehn Wörter ist die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin 2017 mit dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet worden.

Erst wenn die Literatur falsche Gewissheiten auflöst, ist sie mehr als die Bügelmaschine der Wirklichkeit

"Ich habe den Anspruch, dass ein gutes Buch uns neue Perspektiven aufzeigen und unsere Gewissheiten in Frage stellen muss, dass wir, wenn wir es zuklappen, in gewisser Weise mental woanders landen als da, wo wir angefangen haben zu lesen", hat Nava Ebrahimi gesagt. Das ist, wenn man so will, ein klassischer Anspruch von Literatur, wenngleich ein nicht oft eingelöster, weil Bewusstseinsveränderung sprachlich nicht so leicht herzustellen ist. Geschichtenerzählen reicht nicht, weil Geschichten eine Einheitlichkeit suggerieren, wo keine ist. Erst wenn die Literatur diese Einheitlichkeit und falsche Gewissheiten auflöst, ist sie mehr als die Bügelmaschine der Wirklichkeit, die zwar für feine, sagen wir: knitterfreie Unterhaltung sorgt, uns aber nicht weiter beschäftigt.

Bewusstseinsveränderung mit Martina Wied

So eine Bewusstseinsverändernde Autorin war Martina Wied, geboren 1882 in Wien, die 1936 ihren ersten Roman "Rauch über St. Florian" veröffentlichte. Im Gegensatz zu Robert Musil etwa ist Martina Wied heute wenig bekannt, doch wie Musil im "Mann ohne Eigenschaften" hat sie in ihrem Romandebüt das lineare Erzählen zugunsten einer panoramatischen Gesellschaftsbeschreibung aufgegeben. "Rauch über St. Florian" ist ein umfangreicher, aus unzähligen Fragmenten montierter Roman über ein österreichisches Dorf als Modell für den Ständestaat, mit all den Krisengewinnlern und -verlierern, Monarchisten, Opportunisten, Katholiken und national Gesinnten, die die damalige Gesellschaft eben ausgemacht haben.

Im englischen Exil ist eine Reihe von Romanen entstanden, die allerdings erst nach ihrer Rückkehr nach Österreich in den fünfziger Jahren erschienen sind und für die sie 1952 der großen Staatspreis für Literatur erhielt. Einer dieser Romane liegt nun in einer Neuausgabe vor: "Das Asyl zum obdachlosen Geist".

Ulrich Bechers Exilodyssee

Als Sohn Schweizer Eltern wurde Ulrich Becher 1910 in Berlin geboren. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Novellenband "Männer machen Fehler", ein Jahr später allerdings galt seine Literatur als entartet und er durfte in Deutschland nicht mehr publizieren. Er heiratete die Tochter des als K.-und-K.-Humoristen berühmten Alexander Roda Roda und wurde österreichischer Staatsbürger. 1938 musste er dann auch Wien verlassen.

Zuerst hoffte Ulrich Becher, in der Schweiz als Schriftsteller leben zu können, doch in den Augen der Schweizer Behörden verstieß seine antifaschistische Haltung gegen das Neutralitätsprinzip. Die Fremdenpolizei versagte ihm die Arbeitserlaubnis und legte ihm nahe, ins Ausland zu emigrieren. Das tat er März 1941 auch, zuerst nach Brasilien, dann in die USA. In New York schrieb er auch gemeinsam mit dem ebenfalls aus Wien stammenden Schauspieler Peter Preses sein bekanntestes Theaterstück "Der Bockerer", basierend auf den wahren Fall eines renitenten Wiener Fleischhauers.

New York als Schauplatz der Comédie humaine

Ulrich Bechers wichtigster Roman ist "Murmeljagd", erschienen 1969, in dem er seine reichlich wechselhafte Lebensgeschichte, aber auch seine Kämpfe nach der Rückkehr aus dem Exil verarbeitet hat. Die Neuausgabe des vielschichtigen, sprachgewaltigen Romans wurde vor elf Jahren als große Wiederentdeckung gefeiert. Der Frankfurter Schöffling Verlag, der diese Becher-Renaissance einläutete, bringt nun eine weitere Neuausgabe der "Murmeljagd" heraus und veröffentlicht parallel dazu ein Exilwerk Bechers: "New Yorker Novellen".

In New York landete Ulrich Becher auf seiner Exilodyssee 1944, als Schriftsteller konnte in den USA literarisch allerdings nicht reüssieren. 1948 kehrte er nach Wien zurück. In New York kannte sich Ulrich Becher bestens aus, er war mit dem deutschsprachigen Exil vertraut, kannte die Abgründe und die faszinierenden Seiten der Metropole zur Genüge. Dass er die Stadt in den Titel seines 1950 erstmals erschienenen Buches hebt, nimmt Bedeutung von den einzelnen Protagonisten, hebt das Einzelschicksal ins Allgemeine. Becher hat dem Buch einen Untertitel hinzugefügt: "Ein Zyklus in drei Nächten". Ein Novellenzyklus dient dem Autor gemeinhin als Porträt einer Ära, eines Menschenschlags - man denke an Kellers "Die Leute von Seldwyla". Becher wollte offensichtlich weg von der unerhörten Begebenheit, die nach Goethe die Novelle ausmacht, er will hin zu einem New York als Schauplatz der Comédie humaine.

Autor wird erfolgreicher Psychoanalytiker

Dem Nachwort des Schweizer Literaturwissenschaftlers Moritz Wagner entnimmt man, dass Becher die Arbeit an den Novellen unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufnahm. Vertriebene, Gestrandete, Einsame, Exilanten, Kriegsheimkehrer - allesamt Männer - sind die Protagonisten seiner Geschichten, die sich zum Porträt einer Zeit der Verletzungen, des Massensterbens, des Wahnsinns vereinen. Aber das New York der 1940er Jahre bedeutet auch, dass man als Vertriebener den American Dream leben konnte. Die erste Novelle porträtiert so jemand, der Fortüne machte: Der deutsche Arzt und Schriftsteller Hans Heinz Nachtigall wird zum erfolgreichen Psychoanalytiker John Henry Nightingale mit Praxis auf der Upper East Side.

In Bechers Novellen hat Erfolg stets eine Kehrseite

Es dauert eine Weile, bis man sich bei der Lektüre auf den Becher‘schen Ton eingestellt hat. Auf den ersten beiden Seiten macht sich Becher über die New Yorker Upper Class und ihre angesichts der Welttragödie lächerlichen Seelenwehwehchen lustig, gefolgt von einer Parodie der kurzen expressionistischen und dadaistischen Karriere Nachtigalls. Die Parodie ist nicht Bechers Stärke, da hinkt er deutlich hinter Robert Neumann her, manches hat den Hautgout eines Altherrenwitzes. So gesehen sind diese Szenen kein gutes Entree in das Buch. Aber Becher kann auch anders.

Drang zur Parodie

Der Kurzbiografie auf der Buchklappe kann man entnehmen, dass Becher der einzige Meisterschüler von George Grosz war - und das Buch ist dem Maler und Grafiker gewidmet. Der Drang zur Parodie mag auch dem Karikaturisten Grosz geschuldet sein, zugleich gelingt Becher mit der Figur des Malers Theodosius Boem ein eindringliches Porträt seines ebenfalls in New York lebenden, an der Welt verzweifelnden und sich langsam zu Tode trinkenden Freundes.

In Bechers Novellen hat Erfolg stets eine Kehrseite: Der Psychotherapeut Nightingale hat in Europa seinen Vater zurückgelassen, der den Krieg trotz Deportationen überlebt hat und den der Sohn nicht in seine schöne neue Welt holen will; auf dem Empfang des ebenfalls aus Deutschland geflohenen reichen Börsenmaklers Alois Altkammer ist ein Dr. Klopstock zu Gast, ein dem KZ Dachau wundersam Entkommener, für sein Leben Gezeichneter. Becher blendet aus der Society Manhattans hinaus und folgt in einem Rückblick Klopstock in die Lagerlatrinen, zur Niedertracht und Brutalität der SS-Schergen. Das ist mutig. Aber Becher kann sich auf seine Erzähl- und Sprachkraft verlassen, auf seine Kunst der Verdichtung, und in solchen Passagen ist auch keine Rede mehr von Parodie.

Woraus sich Becher einen Spaß macht ...

Das stärkste Stück des Zyklus ist das dritte: eine schwüle Nacht im August 1945, zuerst in der dichten Atmosphäre einer Bar, die in ihrem Mikrokosmos voller unterschiedlicher Schicksale die verrückte Welt abbildet, dann auf den Straßen der Stadt, wo die Menschen das Ende des Weltkriegs und mit höhnischen Kommentaren den Atombombenabwurf über Japan feiern. Becher stellt einen Piloten der US-Luftwaffe in den Mittelpunkt, der die Heimkehr in sein "Liebes Schmutziges Altes New York" feiert, von den Geistern seiner Kriegseinsätze verfolgt wird und dabei einer geheimnisvollen Schönen durch die Nacht folgt, die schließlich, nach einem innigen Kuss, für immer in der Psychiatrie entschwindet.

Becher macht sich einen Spaß daraus, seine expressive Prosa immer wieder mit künstlichen Lehnübersetzungen zu garnieren: Indianersommer, Unterhunde, Maitag. Becher folgend könnte man formulieren: "Die Frau und der Tod", die dritte der New Yorker Novellen, ist "fucking" - also: "begattend" gute Literatur. Die "New Yorker Novellen" sowie der Roman "Murmeljagd" von Ulrich Becher sind bei Schöffling und Co erschienen.

Vom eleganten Beleidigen

Ulrich Bechers Schwiegervater, dem Humoristen Alexander Roda Roda, wurde von Karl Kraus ein "humorvoller Kasinoton" vorgeworfen, der ihm nicht angemessen schien, um der Denkweise des K.-u.-k.-Militärs gerecht zu werden, vor allem nicht, als es dieses nicht mehr gab. Roda Roda hingegen polemisierte gegen den "Fackelkraus", den er für einen "engstirnigen Straßenkehrer" hielt. Politisch korrekt waren die Debatten unter Schriftstellern Anfang des 20. Jahrhunderts nicht, es hätte damals auch niemand verstanden, was damit gemeint sein soll. Man beleidigte einander möglichst elegant, das heißt: sprachlich virtuos.

Meistens jedenfalls, und nicht selten wurde ein Witz auf Kosten der jüdischen Abstammung gemacht. Auch unter Juden wie Roda Roda und Kraus. Letzterer war, ideologisch gesehen, ein unzuverlässiger Zeitgenosse, einmal hierhin, einmal dahin tendierend und doch immer darauf beharrend, nirgendwo hinzugehören. Nur mit dem Krieg beliebte er nicht zu spaßen, er wollte auch nichts verklären, weshalb er in seinem Text "Reklamefahrten zur Hölle" das Angebot eines Reiseveranstalters kritisierte, der bald nach dem Gemetzel von Verdun Ausflüge dorthin veranstaltete.

Klassiker von Edgar Lee Masters

Edgar Lee Masters war ein Zeitgenosse von Karl Kraus, aber ich denke, die beiden haben nichts voneinander gewusst. Er hielt sich sein Leben lang im amerikanischen Mittelwesten auf, arbeitete als Journalist, publizierte Theaterstücke und Gedichtbände, doch in die amerikanische Literaturgeschichte ging er als "one-book-wonder" ein. Die "Spoon River Anthology" machte ihn 1915, als man noch Gedichte las, bekannt, was wohl an der besonderen Form dieser Lyrik lag. Das Buch ist nun in der Übersetzung von Claudio Maira unter dem Titel "Die Toten von Spoon River" erschienen. Unzweifelhaft ein Klassiker.

Und um an meine Ausführungen vom Anfang der Sendung anzuknüpfen: Als ich im Gymnasium eine Klasse zum zweiten Mal wiederholte - ich war 17 Jahre alt -, sagte am ersten Schultag der Biologielehrer zu mir: Zimmermann, du musst ja auch schon um die dreißig sein! Bis zur Matura wurde ich von vielen Mitschülern immer wieder mit diesem Satz begrüßt. Nun war ich also selbst zu einem Klassiker geworden.

Gestaltung

  • Peter Zimmermann

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