Operation Greenup, Archivaufnahme

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Operation Greenup

"Hörbilder" zur Anatomie einer Geheimdienstaktion in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs

In den USA gilt die Operation Greenup als einer der erfolgreichsten Spionageeinsätze gegen Nazi-Deutschland. Sie fand in Österreich statt und blieb dennoch hierzulande unbekannt. Dabei ist es maßgeblich den drei involvierten Agenten und ihren Helfer/innen zu verdanken, dass die Nazis Innsbruck kampflos räumten und die amerikanischen Truppen von jubelnden Menschen begrüßt werden konnten.

Gruppenfoto

Das Greenup-Team mit zwei der lokalen Unterstützerinnen, aufgenommen wenige Tage nach der Befreiung im Mai 1945 in Oberperfuss: von l. n. r. Hans Wijnberg (OSS), Maria Hörtnagl, Fred Mayer (OSS), vorne: Anna Niederkircher, Franz Weber (Wehrmachtsdeserteur/OSS).

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Operation Greenup

Fred Mayer, Hans Wijnberg und Franz Weber machten Webers Geburtsort Oberperfuss zu einem der Zentren des Tiroler Widerstands.

Landung per Fallschirm

Am 26. Februar 1945, um ein Uhr nachts, landeten drei Agenten des amerikanischen Geheimdienstes OSS mit Fallschirmen auf dem Sulztaler Gletscher in den Stubaier Alpen. Die Mission der drei jungen Männer: Daten über die Transporte der deutschen Wehrmacht über die Brennerstrecke zu sammeln und an das Kommando der US-Armee in Süditalien zu funken. Durch Bombardierungen der Züge sollte der deutsche Nachschub an die Kriegsfront unterbunden werden.

Drei ganz unterschiedliche Agenten

Das Spionageteam bestand aus Fred Mayer und Hans Wijnberg, zwei jungen jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland und den Niederlanden. Das OSS rekrutierte sie wegen hervorstechender Fähigkeiten: Mayer hatte Charisma, Entschlossenheit und strotzte vor Tatkraft - er wollte die Nazis möglichst effektiv treffen. Wijnberg war ein exzellenter Mathematiker, zurückhaltend und besonnen. Das machte ihn zu einem ausgezeichneten Funker.

Der dritte im Bunde war der Wehrmachtsdeserteur Franz Weber aus Oberperfuss bei Innsbruck. Während Mayer und Wijnberg zu Agenten und Saboteuren ausgebildet wurden, machte Weber in der Wehrmacht Karriere, vom armen Bauernsohn zum Leutnant. Er war in der Sowjetunion an der Front und erhielt das Eiserne Kreuz. In Kroatien kämpfte seine Einheit gegen die Partisanen.

Zunehmend angewidert von der brutalen Unterdrückung stellte sich Franz Weber 1944 die Frage, ob er das NS-Regime weiter stützen oder die Seiten wechseln sollte. Im September desertierte er in Italien zu den amerikanischen Truppen. Er erklärte sich bereit, aktiv am Kampf gegen NS-Deutschland teilzunehmen. Der aus Berlin stammende OSS-Offizier Dyno Löwenstein glaubte ihm.

Entscheidende Ortskenntnis

Mit Franz Weber hatte Löwenstein das Ziel für seine beiden Agenten Mayer und Wijnberg gefunden. Seit Langem wollten die Alliierten Agenten an der Brennerstrecke platzieren. Ohne einen ortskundigen Verbündeten, der den Agenten Aufnahme und Kontakte sicherte, waren alle Versuche gescheitert.

Bilder aus dem befreiten Innsbruck

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Während Löwenstein, Mayer und Wijnberg Franz Weber vertrauten, vertraute Weber auf die Hilfe seiner Schwestern Luise, Eva und Margarethe, die in Innsbruck lebten und arbeiteten. Und da war noch seine Verlobte Anni und ihre Mutter, Anna Niederkircher, die Wirtin des weithin bekannten Hotels Zur Krone. So wurde Oberperfuss zum Nest der Agenten, und eine an Dramatik kaum zu überbietende Geschichte der Befreiung begann.

Eine der erfolgreichsten US-Geheimdienstaktionen

Von hier aus gelang es dem Trio unter kräftiger Mithilfe vieler Menschen aus dem Dorf, wertvolle Informationen für die Alliierten zusammenzutragen. Der Funker Hans Wijnberg gab 60 Funksprüche an die OSS-Basis im italienischen Bari durch. Doch damit nicht genug: In den letzten Kriegstagen gelang es Weber und seinen Kameraden darüber hinaus - in Zusammenarbeit mit Aktivisten des Innsbrucker Widerstands, den Tiroler Gauleiter Franz Hofer und seinen Stab festzunehmen, im Kerngebiet der angeblichen Alpenfestung einen vorzeitigen Waffenstillstand herbeizuführen und die Landeshauptstadt Tirols den US-Truppen kampflos zu übergeben.

"In den USA ist die Operation Greenup eine bekannte Geschichte", weiß der Historiker Peter Pirker, der die Geschehnisse von damals penibel erforscht hat: "Schon 1946 sind in der amerikanischen Presse die ersten großen Reportagen über die Operation erschienen. Später stieg das Interesse an solchen Einsätzen noch einmal an, vor allem durch Quentin Tarantinos Film "Inglourious Basterds". Durch die zahlreichen Publikationen und das breite öffentliche Interesse ist die Geschichte der Operation Greenup in den USA zu einer Ikone des Kampfes gegen Nazideutschland geworden".

Rastende US-amerikanische Soldaten während ihres Vormarsches im Tiroler Ausserfern, aufgenommen am 29.April 1945.

APA/Tiroler Landesarchiv/HPK

In Tirol ist man da zurückhaltender. In der Gedenkkultur des Landes haben die Operation Greenup und die Heldentaten Franz Webers und seiner Freunde kaum einen Platz. Und in Oberperfuss, dem Schauplatz des Geschehens, würden viele Leute am liebsten den Mantel des Schweigens über die Ereignisse von damals breiten.

Text: Peter Pirker, Historiker am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck

Service

Peter Pirker

Peter Pirker, "Codename Brooklyn. Jüdische Agenten im Feindesland. Die Operation Greenup", Verlag Tyrolia
Peter Pirker/Matthias Breit, "Schnappschüsse der Befreiung. Fotografien amerikanischer Soldaten im Frühjahr 1945" Verlag Tyrolia

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