Glasfront, Dach und Baum

ORF/JOSEPH SCHIMMER

"Grün wie ich dich liebe grün"

Eine Intensität, die Kopf und Herz elastisch macht, kann gute Literatur bieten. Denn auch wenn schwer und traurig, vermag sie mit dem Schlüssel der Einfühlung Räume zu öffnen, neue Einsichten und Aussichten freizugeben. Von den Untiefen der Psyche legt das Erzähldebüt der slowenischen Autorin Ana Schnabl Zeugnis ab: "Grün wie ich dich liebe grün".

Noch immer erkennt man vielen Verlagsprogrammen die editorische Unart, in erster Linie nur Romane zu veröffentlichen und dabei jede Erzählung, die länger als hundert Seiten ist, in die vermeintlich besser verkäufliche Roman-Schublade zu stecken. Einen Erzählband bekommen Autorinnen und Autoren gewöhnlich erst zugestanden, wenn sie sich mit mehreren Romanen einen Namen gemacht haben. - Da ist es eine erfrischende Ausnahme, wenn der Folio-Verlag eine junge Schriftstellerin mit Erzählungen debütieren lässt - noch dazu in einer Übersetzung.

Zehn Erzählungen

Über die Debütantin erfährt man nicht viel: Die Slowenin Ana Schnabl beschäftigt sich, so der Klappentext, "mit der Frau in der Psychoanalyse". Im Netz findet man bei einer Lesungsankündigung noch eine Zusatzinformation, die die Autorin gut auf Reisebeschränkungen vorbereitet zeigt: Schnabl sei "viel mit Yoga, Schwimmen und Reiseplanungen, die nie umgesetzt werden, beschäftigt."

An der aggressiv grünen Linie meines Innenlebens

Zehn Erzählungen versammelt der Band mit dem aufs Erste rätselhaften Titel "Grün wie ich dich liebe grün". - Verdoppeltes Grün: Da assoziiert man in Wien vielleicht Schuberts Lied "Im Grünen": "Im Grünen, im Grünen, da lebt es sich wonnig". Aber mit Frühlingswonnen in Wäldern und Feldern haben die Texte Schnabl nichts am Hut, sie führen uns nicht in das Außen grüner Natur, sondern in die inneren Landschaften. Dorthin, wo grün nicht Idylle, sondern einen hohen Grad psychischer Probleme bedeutet: "an der aggressiv grünen Linie meines Innenlebens" heißt es in der ersten Erzählung.

Ana Schnabl

MATEJ PUSNIK

Ana Schnabl

Pandämonium des Alltags

Ana Schnabl liefert Berichte aus den menschlichen Abgründen - und es sind Abgründe aus jedermanns Leben: Scham, Minderwertigkeitsgefühle, Ausweg- und Antriebslosigkeit. Die Protagonisten und Protagonistinnen, die meist in Ich-Form von ihren misslichen Lagen und deren Vorgeschichten erzählen, sind allesamt keine stumpfen Schicksalserdulder, sondern zeigen einen hohen Grad an Analyse- und Reflexionsfähigkeit. Sie können allerdings nicht aus ihrer Haut heraus. Schnabls Prosa ist meist zurückhaltend, berichthaft, der oder die Erzählende "psychologisiert" nicht, es wird nicht gewertet oder gar gerichtet über ein Leben, keine Schuldigen angeprangert.

Womit sich die psychisch Angeknacksten herumschlagen müssen, deuten bereits die Titel zweier Erzählungen an: "Trittico" sowie "Ritalin". Trittico ist ein Psychopharmakon, das zur Behandlung von Depressionen eingesetzt wird, Ritalin ein Arzneimittel zur Behandlung von ADHS. Mit ihren Heldinnen und Helden präsentiert Schnabl ein Pandämonium, das nahe an unser aller Alltag angesiedelt ist: etwa eine depressive Frau, die sich hässlich findet; ein antriebsloser Marihuanasüchtiger; eine exaltierte, alkoholkranke Schwiegermutter; eine dauererregte Ehefrau auf einem Seitensprung; ein Hausmädchen mit einem hyperaktiven Kind; ein gewalttätiger Ehemann und seine duldende, bei ihm verharrende Frau.

Muttermilch mit Blutstropfen

Da sind todtraurige Szenen dabei: ein Schwesternpaar, bei dem die Erstgeborene eifersüchtig auf die Schönheit der anderen ist und sich diese Eifersucht zum Hass auswächst, sodass die Ältere auf ihre Schwester nicht mehr zugehen, mit ihr nicht mehr reden kann, selbst als sich die Schöne längst in ein magersüchtiges Knochengerüst, das sich aus dem Leben zurückzieht, verwandelt hat.

In einem Text blendet Schnabl direkt in eine Geburtsszene hinein: Die Mutter merkt in ihrer postnatalen Erschöpfung, dass sie ihr Kind nicht lieben kann, mehr noch, dieses Etwas, das ihren ohnehin konturenlosen Körper aussaugen will, macht sie wütend. Und das Kind saugt solange weiter, bis die Brustwarzen wund sind und zu bluten beginnen: Die mit Muttermilch vermengten Blutstropfen sind eines der stärksten Bilder des Buches, für die Mutter ein letzter Realitätsanker: "Die blutigen Kinderlippen waren die einzige Wirklichkeit, die ich noch ertragen konnte." Der Mutter wird das Kind aber schließlich unerträglich, sie landet, nachdem sie beinahe zur Kindsmörderin wird, in der Psychiatrie.

Buchumschlag

FOLIO VERLAG

Liebevoll dank Affäre

Nicht alle Erzählungen sind von solcher Traurigkeit durchzogen. Einmal sind wir zu Gast bei einem Abendessen eines jungen Paares mit den Eltern des Verlobten, die Eltern lernen ihre zukünftige Schwiegertochter kennen, die Mutter echauffiert sich - wir kennen diese peinlichen Restaurantszenen aus dem Mainstreamkino - unter zu viel Alkoholeinfluss; in der Titelgeschichte folgen wir einer Ehefrau auf einen erotisch prickelnden Seitensprung mit einem grünäugigen Mann, der nicht zum Ende der Ehe, sondern zu einer neuen Perspektive der Frau auf ihren liebevollen Gatten führt.

Es könnte allerdings sein, dass Schnabl die Schilderungen der seelischen Abgründige mehr liegen als Sexszenen - da entgleitet der Autorin sprachlich einiges ins Klischee oder in Ungenauigkeiten: Die Augen des Mannes richten sich "tief auf mich", die Verwandlung von einer gelangweilten Frau am Buffet zum Objekt der Begierde wird als "Ironie" bezeichnet, seine Augen sind regungslos und zugleich entflammt, beim Sex "verliert" er sich zwischen ihren Brüsten, danach fallen Sätze wie "du bist gut, wahnsinnig gut".

Ein großes Versprechen

Die längste Erzählung des Buches ist auch die beste: Ein junger Mann kommt nicht vom Marihuana los, auch nicht, als ihn seine Freundin verlässt und er zurück zur alleinerziehenden Mutter ziehen muss. Wenn der Verlag darüber informiert, dass sich Schnabl "mit der Frau in der Psychoanalyse" beschäftigt, könnte man etwa einen Bezug zu Freud und seiner Abhandlung zur Hysterie erwarten. Aber hier ist der Mann hysterisch, er will in die hystéra, die Gebärmutter, in das Embryostadium zurück. Wie Schnabl diesen Text formal löst, wie sie diesen höchst selbstreflexiven, dabei verstockten Träumer zeichnet, ist ein großes Versprechen auf weitere Literatur mitten aus unserem bewusst-unbewussten Leben.

Text: Wolfgang Straub

Service

Ana Schnabl, "Grün wie ich dich liebe grün", Erzählungen, Übersetzung: Klaus Detlef Olof, Folio Verlag

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