Selbstgemacht Schutzmasken

CLARA KAUFMANN

Was von Corona museumsreif ist

Wie kuratiert man eine Epidemie? Wie und was das Wien Museum für zukünftige Ausstellungen über die Corona-Epidemie an Objekten und Fotos sammelt.

„Bitte wasch dir immer gut die Hände“, schreibt Valentina in einem Brief an ihren „Herrn Leher“. Valentina ist acht Jahre alt. Sollte sie einmal Kinder bekommen, könnten diese den Brief der Mutter in ein paar Jahrzehnten hinter dem Glas einer Museumsvitrine finden.

Als Teil einer Retrospektive, die künftigen Generationen einen Eindruck davon vermitteln soll, wie das damals war im Jahr 2020, als Corona in Wien ankam und die Schulen wochenlang geschlossen blieben.

Ein Brief an den Hr. Lehrer

WIEN MUSEUM

Der Brief ist einer der rund 40 ersten Gegenstände, die das Wien Museum für seine Corona-Sammlung erworben hat. Als die Bundesregierung Mitte März die Ausgangsbeschränkungen verkündete, wussten die Kuratorinnen des Hauses am Wiener Karlsplatz, dass sie schnell handeln müssen. „Es war uns relativ rasch klar, dass das einen massiven Einschnitt in die Stadtgeschichte darstellt, der das Alltagsleben in der Stadt stark verändert“, sagt Martina Nußbaumer, seit 2008 Historikerin im Wien Museum.

Sie und ihre Team waren unter den Ersten weltweit, die einen Sammlungsaufruf starteten: Sie baten die Bevölkerung um ihre Mithilfe – die Menschen sollten ihnen Fotos von Dingen schicken, die unter dem Motto „Corona in Wien“ vom veränderten privaten und beruflichen Leben erzählen.

Die Resonanz war groß, bis Mitte Juni gingen rund 2100 Fotos bei ihnen ein. Am häufigsten bekamen die Kuratorinnen – man könnte es ahnen – Fotos von selbstgenähten Mundnasenschutzmasken zugesendet, wahlweise vor die Gesichter von Menschen, Statuen, Puppen oder Stofftiere gespannt.

  • Selbstgemacht Schutzmasken

    CLARA KAUFMANN

  • Eine Statue mit Schutzmaske

    UWE RUSTENBECK PHOTOGRAPHY

  • Ein Osterei mit Schutzmake

    NORA RATH HODANN

  • Eine umwickelte Türschnalle

    WIEN MUSEUM

  • Anzeige der Wiener Linien

    FLORIAN KOBLER

  • Zwei Männer sitzen sich mit großem Abstand gegenüber

    GREGOR KALLINA

  • Aushang in einem Schaufenster am Stephansplatz

    THOMAS LASNIK

  • Nachmittags-Tratsch der kleinen Paula mit Flora, ihrer Nachbarin auf der Terrasse.

    ALEXANDRA FELDHOFER

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Nun beginnt Phase Zwei des Projekts, das Kuratieren und Archivieren des Ausnahmezustands. Aber was qualifiziert einen Gegenstand, der eben noch Teil des Alltags war, für einen dauerhaften Platz im Museum? Was soll in ein paar Jahrzehnten das Bild der Nachwelt vom Ausbruch der Corona-Krise in Wien prägen?

„Einerseits wissen wir als Historiker, dass wir oft ein bisschen Distanz brauchen, um beurteilen zu können, ob bestimmte Dinge eine gesellschaftliche Relevanz haben oder nicht."

Seit der Lockerung der Maskenpflicht sind Martina Nußbaumer und ihre Kolleginnen mit der Auswahl und Beschaffung der auf den Fotos abgebildeten Corona-Memorabilia beschäftigt. „Gegenwart sammeln ist immer ein schwieriger Prozess“, sagt Nußbaumer.

"Auf der anderen Seite wissen wir, dass wenn man sich nicht schnell um Dinge kümmert, die auch sehr schnell wieder verschwinden und schwer nachsammelbar sind.“

Beim Sammeln der jüngsten Zeitgeschichte vollführe man eine Gratwanderung, sagt Nußbaumer, während sie mit ihrer Kollegin Viktoria Wagesreiter durch die Flure des Museumsdepots führt. Wagesreiter ist die Herrin des Depots im niederösterreichischen Himberg, auf dessen neun Etagen die rund eine Million Objekte umfassende Sammlung des Museums lagert.

Durch den Umbau des Haupthauses am Karlsplatz ist es hier noch voller als sonst, und die Mitarbeiter erwarten täglich die ersten Objekte der neuen Corona-Sammlung. Denn die ausgewählten Objekte werden in das Depot des Museums eingelagert und gesichert. Einige der Objekte von „Corona in Wien“ werden in die neue Dauerausstellung zur Wiener Stadtgeschichte im umgebauten Wien Museum am Karlsplatz einfließen.

Gestaltung: Antonia Löffler

Service

WIEN MUSEUM - Corona in Wien