Konrad Bayer

BILD ARCHIV AUSTRIA

Kasperl am elektrischen Stuhl

Spätestens mit dem Finale handelten wir uns womöglich den Vorwurf ein, frauenfeindliche Klischees zu transportieren. Wessen Bedenken hier nach der Sprachaufnahme im Raum standen? Jene des Darstellers, immer noch zu Späßen aufgelegt.

Der Höhepunkt von Konrad Bayers "kasperl am elektrischen stuhl" repräsentiert fürwahr keine feministischen Zielvorstellungen. Nichts läge uns Mitwirkenden jedoch ferner, als die Erzählung allen Ernstes beim Wort zu nehmen. Bayer bietet in seinem scheinbar schreiend blöden Protagonisten eine farbenfrohe Synthese moderner gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen. Kasperl und die Frauen: ein Irrlicht im Irrgarten. Kasperl und das Theater: ebenso. Kasperl und die Wahrheit, Kasperl und die Presse, "kasperl" (uraufgeführt im Jahr 1968) und er selbst: Nur Täuschung ist für ihn Gewinn.

Zu täuschen und getäuscht zu werden: Das hält des Österreichers - so anders als vergleichbarer Mitteleuropäer? - Rückgrat in Form. Gierig sog er mit der Muttermilch die Tugenden des Antihelden ein. Selbst und gerade diese macht der Kasperl, der Theaterprofi, zur Not. Er tritt in das Geschehen mit der Absicht, zu sterben. Das Stück hat er selbst verfasst, die Figuren sind seine Erfindungen, zwei Zuschauer haben eine Loge auf der Bühne besetzt.

Alles trägt das holzige Parfum des Einmaligen

Bayer nimmt die Gesetze des Theaters ernst. Eine Dame zerlegt lauthals und postwendend das hausbackene Präludium des "Sprechers". Alles trägt das holzige Parfum des Einmaligen, des Vergehens in jeglichem Wortsinn. Übergriffe verdeutlichen sich als dramatische wie zwischenmenschliche Motive und Maskerade. Der Kasperl ist einer von uns. Wir wollen es vielleicht nicht wahrhaben. Konrad Bayer streicht das gute, alte, rot und weiß karierte Tischtuch glatt. Komplett angepatzt.

Wer hat hier alles dreckig gemacht? Die Feinspitze im Publikum? Die gnadenlos sich selbst bespitzelnde Theaterliteratur? Jene outrierende Rotte dort oben auf der Bühne? Der einsame, zur ewigen Apperzeption verdammte Herr Kritiker? Die Polizei? Deren Opfer? Die peinlich einstudierten Reflexe all der Auserwählten des Beurteilungsbetriebes namens Kunst? Und die Polizei?

Wer erwartet, etwas Unerwartetes zu sehen, wird enttäuscht, indem er bestätigt wird.

Ja. Nein. Die Quadrate des Tischtuchs, einmal schief angeschaut, werden zum lustigen Karomuster. Konrad Bayer, zeit seines durch Freitod stark verkürzten Schaffens Produzent "verstörender" Literatur, hat zumal mit dem "kasperl" ein Vexierbild des geschmäcklerischen Auskenner- und Auskennerinnentums geätzt. Sein Hauptdarsteller narrt alles und jeden, widerspricht sich selbst, noch ehe er ein Wort gesagt hat. Ist Analphabet und Autor, Mörder und Ermordeter, Richter des sogenannten guten Geschmacks wie seiner selbst. Der vermeintliche Dreck auf dem pfiffig weißen, herzkasperlroten Textil ist die herrliche Karikatur einer Welt, in der die Musen zu Buchmacherinnen umgeschult wurden. Ein Pechspiel. Wer erwartet, etwas Unerwartetes zu sehen, wird enttäuscht, indem er bestätigt wird. Der Titel des Stückes ist auch schon der Plot. Die Handlung bleibt, wie sich zeigt, eine Nicht-Handlung. Der Dichter, der seinem Protagonisten die Autorenschaft überlässt, bewegt sich und uns mittels Subtext weniger durch die Story als durch die Welt. Ein reines Anspielungstheater.

"Jetzt fangen Sie endlich an und zeigen Sie, was Sie können."

Apropos Kalauern: Wenn Schauspielerinnen und Schauspieler einander naturgemäß anspielen wollen, wird ihnen hier ein Streich gespielt. Kasperls Ensemble spielt aneinander vorbei. Die Dialoge werden zu aberwitzigen Parolen abgemantelt. Dass es darin funkelt wie in Künstleraugen, ist in der Hörspielfassung von "kasperl am elektrischen stuhl" dem Talent des hier einzigen Darstellers zu verdanken. Franz Schuh hat seinen "kasperl" gelesen.

Franz Schuh

Franz Schuh

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Musik als Gegenbehauptung

Als ich den Text auf den Tisch bekam, dazu die Information, dass Schuh daraus ein Solo machen wollte, fand ich beides hanebüchen; mithin eine wunderbar stimmige Sache. Probeaufnahme mit Herrn Schuh: überzeugt. Monate zogen dann ins Land. Als sie wieder ausgezogen waren, fand man sich, in gewohnter Manier, im Hörspielstudio ein. Schuh las spielerisch, fertig. Auf dem Weg ins Freie teilte er mir seinen Musikwunsch mit. Eine Gegenbehauptung solle sie sein, Musik als dreiste Antwort, Störsignal, zeitgenössisch. Er nannte Namen. Ich versprach, darüber nachzudenken.

Das Radio hat eine überschaubare Anzahl an wirklich emergenten Formen im Angebot. Zwei. Feature und Hörspiel. Selbstverständlich fügen sich auch in anderen Formaten die Bestandteile zu etwas, das mehr ist als deren Summe. Eine Musiksendung ohne Moderation käme uns kaum in den Sinn. Ein Interview mit einer Gesprächspartnerin oder einem Gesprächspartner ist meist ergiebiger als ohne. Ein Hörspiel ohne Klänge ist möglich. Ein Fleischgericht ohne Salz ist ebenfalls möglich. Es mag gut gegen hohen Blutdruck sein. Außerhalb des Krankenhauses finden sich wenige Abnehmerinnen und Abnehmer.

Überraschend, neu, inspirierend

Das Hörspiel erlaubt es sich gelegentlich, keine Schonkost zu bieten. Hier sollen Künstlerinnen und Künstler das Ihre tun, die schreibenden, die sprechenden, die musikalischen, die Regie, auf dass aus den Eigenschaften der unterschiedlichen Gestalten ein überraschendes, neues, inspirierendes Ganzes (also ein Fragment) werde. Probat nennt sich der Weg über das kalkulierte Zusammenspiel: Gesprochener Text trifft unter Laborbedingungen auf komponierte Musik. Letztere fungiert hierbei gerne als Begleiterscheinung, im schlimmsten Fall als Illustration der Worte, die beim Wort genommen werden. Krankenhaus-Fast-Food.

Es ergab sich, dass an dem Tag der Sprachaufnahme mit Franz Schuh auch eine junge Dame anwesend war, die sich fürs Hörspiel interessierte und sehen wollte, was es da zu hören gibt. Hannah Hinsch, damals 17 Jahre alt, als Hospitantin im Studio dabei, überdies sehr musikalisch und vom "kasperl" angetan, fand im Hörspielstudio ein Klavier vor, welches nicht zimperlich ist, sondern offen für ganzheitliche Anwendungen. Da Herr Schuh souverän an einem Tag erledigt hatte, wofür der Tage zwei anberaumt waren, blieb am zweiten Zeit für einen Versuch. Frau Hinsch sollte und wollte, unter dem Einfluss der Schuh’schen Darbietung, Tasten, Saiten und Holz hörbar machen. Wer weiß, vielleicht kann man es in dem Hörspiel verwenden?

Die Hospitantin am Klavier

Man kann. Intuitiv, klug, witzig und kunstvoll, zart und vehement, brachial warf dieser junge Mensch sich an und über, auf und gegen das Instrument, erzeugte Sounds, die unsere Ohren verzückten und auch gleich unser hausinternes Kamerateam anlockten. Die tiefere Qualität ihrer Improvisationen zeigte sich später, als die Musik und die Worte gemeinsam ausgewildert wurden. Dort, in der nach Möglichkeit freien Wildbahn des Produktionscomputers, wurden die Elemente zu Kumpanen, zeugten wundersame Kreaturen in leibhaftiger Beziehung. Emergenz wohin das Ohr reicht. Wieder einmal erwies sich der "Zufall" als befreiendes und konstituierendes Moment. Hannah Hinsch hat Bayer und Schuh nicht beim Wort, sondern bei der Sprache genommen.

"kasperl am elektrischen stuhl" reiht sich in eine Ö1-Hörspielauswahl, die dem Theater gewidmet ist. Dessen Gesetze stehen hier ebenso zur Verhandlung wie das Rollenverhalten seiner Akteurinnen und Akteure. Sowie das Gebaren eines Mannes, der sich Kasperl nennt und vor irgendwas uns allen Bekanntem (und den Frauen) auf den elektrischen Stuhl flüchtet. Ein Theater.

Service

In der Edition Ö1 liegt Franz Schuhs "Fortuna" vor - gelesen vom Autor selbst. ORF-CD795, Bestellnr.: 2017112

Gestaltung

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