Shirley Collins

DOMINO RECORDS/EVA VERMANDEL

"Heart's Ease" von Shirley Collins

Für den britischen "Guardian" ist sie eine der großen Stimmen des britischen Folk - für andere schlicht die Queen des Folk: Shirley Collins. Seit wenigen Tagen ist die Musikerin 85 Jahre alt, Pensionssehnsüchte hegt sie allerdings keine. Nach ihrem Comebackalbum "Lodestar" vor vier Jahren erscheint nun "Heart's Ease".

In den 1960er und 1970er Jahren war Shirley Collins mitten drin im englischen Folk-Revival. Begleitet von ihrer Schwester Dolly begeisterte sie mit ihrem präzisen, schlichten Vortrag, der stets den Song vor die Interpretin stellte. Nach einer traumatischen Scheidung in den 1980er Jahren verliert Collins ihre Stimme und jegliche Fähigkeit zu singen. Es sollte fast 40 Jahre dauern bis Shirley Collins zur Musik zurückkehren wird.

Kulturjournal | 20 07 2020

Vor 65 Jahren erklang die Stimme von Shirley Collins zum ersten Mal auf Vinyl. Damals war Collins gerade einmal 20. An ihrer Art zu singen habe sich seitdem nichts geändert, meint die Sängerin im Ö1 Interview. "Mein Vortrag war immer schnörkellos; ich konzentriere mich auf das Lied, ohne dass ich es dramatisch gestalten oder irgendwie aufmotzen muss. Das Lied steht im Mittelpunkt." Schnörkellos, ohne Allüren, simpel, so hält die Frau, die Anfang der 1960er führend am Fundament des englischen Folk-Revivals mitarbeitete, ihre Songinterpretationen bis heute.

Mit der Ruhe des Herzens

Die Ruhe des Herzens, "Heart's Ease", nennt Collins ihr neues Album. "Heartsease" ist auch die englische Bezeichnung für eine Blume, das wilde Stiefmütterchen. "Manche dieser Lieder sind so sanft, dass ich hoffe, dass sie einen beruhigenden Effekt haben", meint Collins, die auf das Stiefmütterchen in einem Buch ihrer verstorbenen Schwester Dolly stieß.

Die meisten dieser zwölf Lieder entführen in eine längst vergangene Zeit als Dampfschiffe noch im Packeis steckenblieben wie in "Locked In Ice". In "Canadee-i-o" geht Collins zurück in südenglische Dörfer der 20er Jahre, wo nach drei Tagen Schafe scheren ausgelassen gemeinsam gesungen wurde.

Nach ihrer fast 40-jährigen Auszeit, ausgelöst durch den Verlust ihrer Stimme, musste Collins sich erst langsam wieder an die Idee herantasten, ein Album aufzunehmen. Schon die Vorstellung in einem High-Tech-Studio einem jungen Tontechniker gegenüberzusitzen war ihr zu viel. "Lodestar", das umjubelte Vorgängeralbum, nahm sie deswegen zuhause auf. Die eigenen vier Wände also als Schutzwall für eine Frau, die einst unbekümmert in die Welt hinauszog.

1959 - Mit Alan Lomax durch die USA

Denn "Heart‘s Ease" erinnert mit zwei Songs auch an eine bemerkenswerte Reise im Jahr 1959. Mit 24 bricht Shirley Collins in die USA auf, um die dortigen Folksongs und Traditionen kennenzulernen. An ihrer Seite der legendäre Alan Lomax - ein Pionier der Musikforschung. Die beiden, damals ein Liebespaar, nehmen diese Lieder erstmals in Stereo auf. Zwei davon, "The Merry Golden Tree" und "Wondrous Love" interpretiert Collins auf "Heart’s Ease" neu.

Dass Lomax den Ruhm für seine Arbeit später allein einheimste und er ihre eigene Rolle auf die einer Hilfskraft reduzierte, passte ins Bild einer männlich dominierten Szene. "Dabei hätte er ohne mich nicht einmal die Hälfte der Aufnahmen geschafft", sagt Collins. "Ich verstand mich so gut mit diesen Musikern und es war mir eine Ehre, bei diesem Abenteuer dabei sein zu dürfen. Also, alles gut."

Vom Gefängnis zu den Grammys

Einer der Songs, den Collins und Lomax damals einfingen, hieß "Po' Lazarus". Aufgenommen wurde er im Mississippi-State-Gefängnis, der Sänger hieß James Carter. 2002 gewann der dann dafür sogar den Grammy - als Teil des Soundtracks des Films "O Brother, Where Art Thou?" der Coen Brüder. "James Carter, der einen Großteil seines Lebens im Gefängnis oder auf Schiffen verbrachte, erhielt zum ersten Mal in seinem Leben einen Scheck über 20.000 Dollar", erinnert sich Collins. "Manchmal gibt es eben doch Gerechtigkeit in dieser Welt."

Albumcover Shirley Collins

DOMINO RECORDS

Eine vergessene Kassette mit Davey Graham

Eines war Collins nach ihrem Ausflug über den Atlantik klar - sie wollte englische Songs singen und ihre eigene Tradition fortführen und weitergeben. Vor nicht allzu langer Zeit findet die Sängerin bei sich zuhause eine alte Kassette. "Darauf stand‚ 'Sweet Greens & Blues' und 'Davey Graham'. Ich hatte sie völlig vergessen." Davy Graham, eine der prägenden Figuren des British-Folk-Revival der 1960er, inspirierte auch den jungen Paul Simon, als der vor seinem großen Durchbruch solo durch England zog. Aufgenommen wurde "Sweet Greens & Blues" ursprünglich 1965. In der Version auf "Heart’s Ease" spielt Nathan Salsburg Gitarre.

Am Ende von "Heart's Ease" lässt Collins ihren Blick über den Ärmelkanal wandern. Der Wind braust durch die englischen South Downs und Collins reflektiert über das Gestern und das Morgen. "Crowlink" heißt nicht nur der Ort an dem sie das tut, sondern auch der finale Song - und möglicherweise ihr nächstes Album, wie Shirley Collins verrät. "Mein Sohn hat an diesem Ort den Wind und die Atmosphäre aufgenommen und für mich hat der Song als Abschluss perfekt gepasst. Wenn ich noch ein Album mache, dann werde ich es 'Crowlink' nennen." Mit 85 ist Shirley Collins für ihr Lebensglück dankbar. Sie habe genügend Lieder im Kopf, die sie noch aufnehmen möchte, meint sie. "Ich freue mich, wieder singen zu können, nach all den Jahren. Das macht mich wirklich sehr glücklich."

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