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Gedanken für den Tag
Fragile Präsenz
Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, zum 60. Todestag von Alberto Giacometti
5. Jänner 2026, 06:57
Ein Kopf aus weißem Marmor: Eine Stirn, nur ein Hauch von Erhebung, eine Nase, die eher ein Schatten bleibt, eine sichelförmige Spur, die sich zu einem Mund verdichtet.
"Der Vater des Künstlers" heißt dieser Kopf von Alberto Giacometti aus dem Jahr 1927. Er stammt aus einer frühen Phase, in der der Bildhauer archaische Formen studiert hat. Zugleich hat er versucht, das Gesicht seines Vaters immer wieder neu zu erfassen.
Ich selbst verbinde diese Arbeiten mit meinem eigenen Bildhauer-Vater. Denn er hat meine Begeisterung für Giacometti geweckt. So habe ich als Kind vor dem Schlafengehen nicht in Bilderbüchern geblättert, sondern in Giacometti-Bänden. Seine Leidenschaft für Skulptur hat mich angesteckt. Dabei habe ich gelernt, auf Oberfläche und Form zu achten. Wie Linien, Schatten und Material zusammenwirken, wie jede Bewegung im Raum etwas erzählt.
Alberto Giacometti ist 1901 in der Schweiz geboren, als Sohn von Giovanni, einem Maler des Postimpressionismus. Er ist in einer künstlerischen Familie aufgewachsen, mit zwei ebenfalls kreativen Brüdern. "Künstler ist, wer zu sehen weiß", hat Giovanni Giacometti dem Sohn gesagt - ein Satz, der seine Arbeit und sein Leben geprägt hat. Giacomettis frühe abstrahierte Köpfe gehen mir besonders nahe. Denn an ihnen spürt man, wie der Künstler einen Menschen zu porträtieren versucht und dafür nur das Nötigste einsetzt. Sie sind reduziert bis an die Grenze des Verschwindens und dennoch mehr als präsent.
Und manchmal, in diesem schmalen Raum zwischen Form und Leere, spüre ich die Präsenz meines eigenen verstorbenen Vaters wieder: seine Liebe zur Bildhauerei, sein Formgefühl, sein Ohr für das Unausgesprochene im Material. Vielleicht liegt darin die eigentliche Verbindung - ein leiser Faden zwischen Kunst und Leben, der sich nicht erklären lässt, aber über den Tod hinaus bleibt.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Maurice Ravel
Album: Megumi Otsuka - Rêve d'amour
Titel: Pavane pour une Infante defunte - für Klavier
Anderssprachiger Titel: Pavane zum Gedächtnis einer verstorbenen Infantin
Solist/Solistin: Megumi Otsuka
Länge: 01:00 min
Label: Megumi Records MR2101 / Rossori 18
