Das Buchcover von "Única blickt aufs Meer"

MARO VERLAG

"Única blickt aufs Meer": Tauchgang im Dreck der Gesellschaft

Mit seinem Debütroman sorgte Fernando Contreras Castro 1993 für Begeisterung und hitzige Diskussionen in seiner Heimat Costa Rica. Seither zählt er dort zu den wichtigsten Schriftstellern der Gegenwart. Nun ist - endlich - die deutsche Übersetzung erschienen.

In einem anderen Leben war sie Lehrerin, nach ihrer Entlassung und dem Tod ihrer Mutter konnte sie die Lebenskosten allerdings nicht mehr bestreiten und so gehört die alleinstehende Única nun zu den Tauchern im uferlosen Abfallmeer am Rand der Hauptstadt.

Gemeinschaft der Ausgestoßenen

Mitten im Elend der Pappkartonhäuser, der giftigen Gase und der schlammigen Wege zwischen den Müllbergen findet sie Freundschaft und Solidarität einer Gemeinschaft der Ausgestoßenen. Doch die Taucher werden immer mehr, die Müllhalde droht zu kippen, die Regierung ordnet die Schließung des Geländes und die Verlagerung in eine abgelegene Gegend an, den Bewohnern der Müllhalde droht noch ihre letzte Perspektive abhanden zu kommen.

Contreras Castros Roman fußt auf einer wahren Episode Anfang der 90er Jahre, wie er erzählt: "Das war ein sehr kritischer Moment. Die Schließung schien unausweichlich, denn die Müllhalde hatte die Grenzen ihrer Kapazität erreicht. Also wählte die Regierung willkürlich ein paar Gemeinden, die als neue Standorte infrage kamen. Das schürte große Demonstrationen in der Bevölkerung, die von der Regierung gewaltsam niedergeschlagen wurden. Es war ein großes Thema und ich beschloss damals, mich dem Ganzen aus einer literarischen Perspektive zu nähern."

Standardwerk der costa-ricanischen Literatur

In Costa Rica zählt "Única blickt aufs Meer" zu den bekanntesten Texten der Gegenwartsliteratur, ist seit Jahren Pflichtlektüre an Schulen und Universitäten, Schularbeits- und Maturastoff, Vorlage für Bühnenadaptionen und Thema zahlreicher soziologischer und literaturwissenschaftlicher Arbeiten. Dass ihn sein literarisches Debüt bis heute begleiten würde, sieht Fernando Contreras gespalten: "Mittlerweile habe ich genügend Distanz, um mich einfach als einen Leser von vielen zu betrachten ...

... Es ist schwer, mich noch mit dem Autor von damals zu identifizieren. Und dennoch war es ein Volltreffer, denn der Roman schaffte es, dass das Thema Gesprächsstoff blieb."

Fernando Contreras Castro

Der 1963 geborene Autor Fernando Contreras Castro

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An der Thematik habe sich bis jetzt nichts geändert, auch wenn Costa Rica in Europa den guten Ruf genieße, verantwortungsvoll mit seinen ökologischen Ressourcen umzugehen, so Contreras. Müllhalden unter freiem Himmel gebe es keine mehr, und damit auch keine Lebensgrundlage für viele ehemalige "Taucher". Sie sind weitergezogen und leben andernorts in prekären Verhältnissen.

Außen schmutzverklebt, innen offenherzig und lebensmutig

So beklemmend ihr Schicksal, so fürsorglich und behutsam, ja fast liebevoll, geht Fernando Contreras Castro mit seinen Figuren um. Er stattet sie mit je unverwechselbaren Geschichten und Persönlichkeiten aus und kleidet sie in eine Reihe von Wesenszügen, Vorlieben und Eigenheiten, die sie aus der Normalität von früher in das stinkende Leben der Müllhalde herübergerettet haben.

Allen voran Única ("die Einzigartige"), die ihre karge Behausung mit einer kaputten Fernsehantenne schmückt, Seifenreste und Parfumflacons sammelt und sich täglich die Zähne putzt. Allabendlich holt sie eine Gruppe von Müllhaldenbewohnern zum gemeinsamen Abendessen und herrscht ebenso stoisch entschlossen über die vertraute Gemeinschaft der Ausgestoßenen.

Ihrem Ziehsohn El Bacán beschert sie die unbeschwerteste Kindheit, die ein solches Dasein möglich ist, ihrem Gefährten Mondolfo wird sie zum einzigen Grund, überhaupt noch an ein Dasein zu glauben, auch wenn tagelang kein Sättigungsgefühl und wochenlang kein frisches Wasser in Aussicht ist.

Das Buchcover von "Única blickt aufs Meer"

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Starke Geschichte und poetische Desillusion

Gerade einmal 130 Seiten stark, mutet der Roman seinen Lesern viel zu. Contreras wechselt unvermittelt zwischen leisen, herzerweichenden Momenten der Zuneigung und Gemeinschaft und lauten Schimpftiraden der Verzweiflung. Er reiht bildreiche, fast poetische Episoden an nüchterne Betrachtungen und desillusionierende Dialogpassagen. Und schafft damit dennoch ein ungemein packendes Bild dieser Hölle auf Erden, wie er es nennt.

Bis heute habe die Regierung weder eine befriedigende Lösung für das Müllproblem, noch für die verzweifelte Lage der Mülltaucher gefunden. Die aktuelle Corona-Krise mache ihre Situation nur noch prekärer, so Contreras. Denn schließlich könne in den Slums weder Social Distancing noch Homeschooling ernsthaft in Betracht gezogen werden.

Und Contreras bringt damit auf den Punkt, was trotz aller Würde und Zuversicht, mit der Única durch ihr bitteres Leben auf der Müllhalde geht, schon auf den ersten Seiten dieses außerordentlichen Romans durchklingt: Bei diesem David-gegen-Goliath-Match wird nicht der kleine Held den biblischen Sieg davontragen.

Service

Fernando Contreras Castro, "Única blickt aufs Meer", Roman, aus dem costa-ricanischen Spanisch von Birgit Weilguny, Maro Verlag. Originaltitel: "Única mirando al mar"

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