Hannah James und ihr Akkordeon

ELLY LUCAS

Folkmusikerin Hannah James

Die Akkordeonistin Hannah James gilt als Shootingstar der britischen Folkszene. Sie ist eine herausragende Akkordeonistin, bewahrte den traditionellen Clog Dance oder den wortlosen Gesang "Diddling" vor dem Vergessen und veröffentlichte mit ihrem JigDoll Ensemble letztes Jahr ein vielbeachtetes Album. Jetzt weilt sie als "Artist in Residence" bei Glatt&Verkehrt in Krems und wird heute Abend live zu erleben sein - Ö1 ab 19:30 Uhr. Ein Gespräch über Tanz, Folk und die Auswirkungen von Brexit und Coronakrise auf die englische Musikszene.

Kulturjournal | 22 07 2020

Sebastian Fleischer

"Meine Musik startet mit den Füßen", schreibt Hannah James im Booklet ihres Albums "The woman and her words". Und dank ihrer Füße wurde sie einst auch Musikerin. Geboren ist Hannah James in Leicester, beide Eltern waren Teil der Folkszene. Von ihrer Mutter lernte sie den Clog Dance, der ursprünglich aus dem Arbeitermilieu stammt: In Fabriken, auf Farmen oder im Bergbau begann man mit den hölzernen Schuhsohlen irgendwann Musik zu machen - man sagt, die ersten Rhythmen hätten die Maschinen in den Baumwoll-Fabriken imitiert.

Hannah James begeisterte aber nicht nur mit ihren Füßen, sondern auch durch ihren virtuosen Umgang mit dem Akkordeon und einer glasklaren Stimme. Ob als Teil der Band Kerfuffle oder im Trio Lady Maisery, mit dem sie den wortlosen Gesang "Diddling" zurück auf die Bühne brachte - als junge Trägerin und zugleich Erneuerin der Folktradition wurde James bald szenebekannt. Daneben war sie aber auch als Tänzerin gefragt, 2016 trat sie etwa mit dem US-Bluesstar Seasick Steve in der Wembley Arena vor 10.000 Menschen auf.

Vor sechs oder sieben Jahren kreierte Hannah James schließlich ihre eigene Soloshow, "JigDoll", die es ihr erlaubte, als Musikerin und Tänzerin zugleich aufzutreten - eine neue Spielart in der Folkszene, die den Tanz immer schon ein wenig an den Rand gedrängt habe, so James. Und auch sie selbst betrat als JigDoll künstlerisches Neuland.

Songs vom Klimawandel und US-Waffenbesitz

"Ich verwende viel Technologie wie etwa Loops, um Musik und Rhythmen zu kreieren und dann zu ihnen tanzen zu können", erklärt sie. "Das ist sehr spannend, aber du bist diesen Maschinen natürlich auch ausgeliefert und hast keine Freiheiten. Irgendwann kam der Wunsch, dieses Konzept in eine Band zu integrieren, mit der ich wieder freier musizieren und kommunizieren kann."

Und so wurde aus JigDoll das JigDoll Ensemble; mit ihm hat Hannah James im vergangenen Jahr ein Album herausgebracht, das in der Szene große Beachtung gefunden hat: "The woman and her words" heißt es und enthält helle und dunkle, zärtliche und zornige Songs, viele davon mit kritischer Botschaft: Es geht um Klimawandel und die Weisheit der Frauen, Waffenbesitz in den USA oder den Platz von Kunst und Kreativität in der Gesellschaft.

Protestnote gegen den Brexit

"In der englischen Folk-Tradition spielt Politik eine große Rolle", sagt James. "Die Musik diente einfachen Leuten als Sprachrohr. Denken Sie nur an die vielen Protestsongs! Und ich komme ebenfalls aus dieser Richtung. Ich konnte mir nie vorstellen, immer nur Liebeslieder zu schreiben."

Aufgenommen hat Hannah James das Album in Budapest mit einem, man könnte sagen, "europäischen" Ensemble: der schottischen Fiddlerin und Sängerin Kate Young, dem ungarischen Perkussionisten András Des oder dem estnischen Bassisten Marti Tärn. Man darf das durchaus als Protestnote gegen den Brexit verstehen.

"Ich habe mich dazu entschlossen, England zu verlassen", verrät die Musikerin. "Ich bin gerade dabei, nach Slowenien zu ziehen, weil ich weiter ein Teil dieses unglaublichen europäischen Musiker-Netzwerks sein will. Ich bin mehr als erschüttert darüber, welche Richtung Großbritannien einschlägt

Britische Musikszene: "Es wird richtig hart"

Ob James mit dem JigDoll Ensemble oft in ihre Heimat kommen wird, ist fraglich - denn angeblich werden europäische Musiker Visa brauchen werden, wenn sie in England spielen wollen - und auch auf englische Musiker warten im Ausland wohl Hürden. Das in Kombination mit der Coronakrise werde sich nachhaltig katastrophal auf die englische Musikszene auswirken, sagt Hannah James.

"Alle britischen Musiker, die normalerweise international aufgetreten wären, werden jetzt um Auftrittsmöglichkeiten in England konkurrieren", meint sie. "Durch Covid-19 sind aber bereits jetzt viele englische Klubs Bankrott gegangen. Es wird also richtig hart, mindestens für die nächsten zehn Jahre."

Für Hannah James gibt es also viele Gründe, sich in Zentraleuropa niederzulassen. Von ihrem multinationalen JigDoll Ensemble wird am Freitag bei Glatt&Verkehrt in Krems nur der Perkussionist András Des mit ihr auf der Bühne stehen - außerdem die Fiddlerin und Sängerin Claudia Schwab und der iranische Gitarrist Mahan Mirarab, mit dem James erstmals auftritt.

"Er ist großartig. Ich arbeite mit ihm während meiner Residency am Programm für ‚Glatt & Verkehrt‘, und es ist sehr aufregend für mich, mit ihm dieses Konzert zu machen." Und so ergeben sich auch aus der Not heraus noch neue Konstellationen.

Service

Glatt&Verkehrt - 22. bis 26. Juli 2020, Krems a. d. Donau

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