Selma (Golshifteh Farahani)

Carole Bethuel

Auf der Couch in Tunis

2011 begann mit einem politischen Umsturz in Tunesien der "Arabische Frühling", eine Revolution, in deren Verlauf der langjährige autokratisch regierende Präsident Ben Ali das Land fluchtartig verließ. Doch viele Hoffnungen auf eine rasche Demokratisierung des Landes wurden enttäuscht. Warum, darüber hat nun die in Frankreich geborene, tunesischstämmige Regisseurin Manele Labidi eine Tragikomödie gemacht.

Eine Praxis für Psychoanalyse in Tunis? Eine Schnapsidee findet die Familie der Therapeutin Selma. Über welche psychischen Probleme sollen Menschen denn reden, wenn sie in Wirklichkeit ganz andere Probleme, vor allem Existenzsorgen haben. Noch dazu: Selma ist Außenseiterin, in Tunesien geboren, aber in Frankreich aufgewachsen, zudem ist die Frau Mitte 30 alleinstehend, also ohne Mann, in Tunesien ein ziemlicher Makel.

Mittelklasse auf der Couch

Doch Selma stemmt sich beharrlich gegen alle Vorurteile, bald schon findet sich erste Kundschaft auf ihrer Couch. Dann wird quasi in den Untergrund einer Gesellschaft gebohrt, in der es gewisse Probleme bisher nur deshalb nicht gab, weil sie totgeschwiegen wurden: vom örtlichen Bäcker, der sich als Frau fühlt, das aber nicht ausleben darf, über die Friseurin, hinter deren zur Schau getragener Wohlstandsfassade tiefe familiäre Konflikte schlummern, bis hin zum Moslem, der von anderen Moslems geächtet wird, weil er nicht gläubig genug ist.

Selma (Golshifteh Farahani, vorne) wirbt in einem Beauty-Salon um neue Kundschaft

In einem Beauty-Salon wirbt Selma (Golshifteh Farahani) um neue Kundschaft für ihre Psychotherapie-Praxis

Carole Bethuel

Es sei kein Zufall, dass vor allem Tunesiens Mittelklasse hier Beistand sucht, so Regisseurin Manele Labidi: "Gerade in der Mittelklasse spiegeln sich viele Eigenheiten, die letztlich auch für den ganzen arabischen Raum repräsentativ sind."

Alkoholkontrolle ohne Alkomat

Mit viel Humor - manchmal vielleicht etwas zu vordergründig - aber ohne Scheu vor Tatsachen verdichtet sich der Film zu einem Porträt des postrevolutionären Tunesiens: ungebrochene Männerdominanz, wenig ökonomische Fortschritte, bürokratische Schikanen, Korruption in der Beamtenschaft, eine Polizei in Nöten, zum Beispiel bei einer Alkoholkontrolle: Aus Budgetgründen fehlt der Alkomat, also muss der Fahrer den Polizisten direkt anhauchen.

Viele Menschen wären enttäuscht von den Folgen der Revolution von 2011, meint Manele Labidi: "Es gibt zahlreiche Leute, die keinen Wert auf Meinungsfreiheit und Demokratie legen, sondern sich einfach nur nach Sicherheit und ein halbwegs gesichertes Auskommen sehnen."

Selma (Golshifteh Farahani) und Olfa (Aïcha Ben Miled) in einem geschmückten Auto

Selma (Golshifteh Farahani) und Olfa (Aïcha Ben Miled)

Carole Bethuel

Stotternder Motor

Allen hiesigen Widrigkeiten zum Trotz gibt sich Regisseurin Labidi optimistisch und symbolträchtig: Selma fährt einen uralten Peugeot-Pick-Up: viel zu groß ist der Wagen für sie, schwierig zu schalten und zu steuern, ein Motor, der oft stottert und auch mal ganz streikt. Am Ende lässt er sich aber immer wieder in die Gänge bringen: Man kommt also voran, wenn auch nur mühsam und langsam.

Gestaltung

  • Arnold Schnötzinger

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