Wohnblock - Grand Parc Bordeaux, Bordeaux, Fr,

Philippe Ruault

Shortlist für Mies van der Rohe Award

Das gegenwärtige Architekturgeschehen in Europa - und die Themen, die dieses in Zukunft prägen werden - bildet eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien (AzW) ab: "Europas beste Bauten" werden ab 30. Juli 2020 präsentiert, nämlich vierzig Bauprojekte, die es auf die Shortlist des "Mies van der Rohe Award 2019" geschafft haben.

Von einer renovierten Kirche, über eine Dorfschule, eine Haupt-Platzgestaltung bis zum Wohnhochhaus reicht die Bandbreite der Bauten - und sie zeigen, dass der Bedeutung des öffentlichen Raumes, der Klimafreundlichkeit und dem Wohnbau von der international besetzten Jury vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Anders als in den vergangenen Jahren, als vor allem repräsentative Kulturbauten, Museen und Musikhäuser etwa, im Vordergrund standen.

Vertikaler Park

Unter den fünf Finalisten ist ein offenes Haus in einer geschlossenen Anstalt, das zu einem vertikalen, öffentlich zugänglichen Frei-Raum geworden ist: Einen ruinösen Ziegelpavillon auf dem Gelände der Psychiatrie PC Caritas im flämischen Melle hat das Genter Architekturbüro de Vylder Vinck Taillieu mit minimalen Eingriffen wieder nutzbar gemacht - allerdings eben nicht als Haus mit Zimmern, sondern als Fortsetzung des Gartens rundum.

PC Caritas, Melle, BE

PC Caritas, Melle, BE, Architekten: architecten de vylder vinck taillieu

Filip Dujardin

Der Putz wurde abgeschlagen, Zwischendecken an manchen Stellen entfernt, ebenso wie Türen und Fenster im Erdgeschoss, um den Park reinzulassen. Und Bäume wurden gepflanzt, sowie Glashäuser und Gartenmöblierung aufgestellt, so Architekt Jan de Vylder, "all das betrachte ich als Erweiterungen des Parks".

Glaswand in einen Backsteinbau

Filip Dujardin

"Das Haus braucht viel Pflege", beschreibt Angelika Fitz, Leiterin des Architekturzentrum Wien, die das PC Caritas in Melle im Rahmen ihrer Tätigkeit als Jurorin selbst besichtigen konnte. Holzböden etwa würden durch Regen beschädigt; zu diskutieren wie mit dem nicht verhinderten Verfall des Hauses umzugehen ist, gehört zum architektonischen Prozess. "Dahinter ist nicht die Idee ‚Wir machen es einmal ordentlich um viel Geld und dann bleibt es so‘", sondern man stellt sich darauf ein, dass der ehemalige Pavillon ein lebendiger Organismus ist der - wie ein Garten eben - ständiger Pflege bedarf.

Um- statt Neu-Bauen

Der mit 80.000 Euro dotierte Mies van der Rohe Award gilt als wichtigster Architekturpreis Europas. Von Fachleuten aus 36 Ländern wurden rund 400 Projekte eingereicht. Augenscheinlich ist der Trend zum Umbauen, Erweitern, Sanieren und Neudenken alter Bausubstanz. Angelika Fitz spricht von einer neuen Architekturauffassung, "dass man nicht alles neu und besser" machen muss, sondern eben auch - ressourcenschonend - mit Bestand arbeiten, zukunftsweisende Architekturlösungen entwickeln und nebenbei eine Menge Bauschutt einsparen kann.

Eben das ist dem Pariser Architekturbüro Lacaton Vassal gelungen mit der ebenso simplen wie radikalen Transformation von drei Plattenbau-Wohnblöcken in Bordeaux (Bild s. oben). Ihr oberster Grundsatz der Nachhaltigkeit sei, so Anne Lacaton, nicht abzureißen, was noch nicht ausgedient hat. Direkte und einfache Lösungen braucht es für hochwertigen und leistbaren Wohnbau, ergänzt der Architekt Jean-Philippe Vassal. Wie konnte das in Bordeaux gelingen?

Pflanzen und Vogelkäfig im Wintergarten

Philippe-Ruault

Den Plattenbauten wurden einfach eine fünf Meter breite Außenschicht aus Wintergärten vorgelagert; die Flächen von über 500 Sozialwohnungen konnte dadurch zu minimalen Kosten - ohne Mietsteigerungen - verdoppelt werden. Noch dazu funktioniert der gewonnene Raum auch als thermischer Puffer, was wiederum die Energiekosten senkt.

"Das Beispiel zeigt, dass es möglich ist, großzügig, sozial verträglich, klimaschonend - und zwar ohne Sondermüll an die Fassaden zu pappen - solche alten Gebäude in die Zukunft zu bringen. Das ist wirklich ein Modellprojekt!", meint Angelika Fitz über das Projekt Grand Parc in Bordeaux, dessen einfaches Prinzip überall angewandt werden könnte, wo der Abriss von alten Wohnblocks zur Debatte steht - unabhängig von lokalen klimatischen Bedingungen. In Europa stehen wohl tausende aufwertungsbedürftiger Plattenbauten.

Service

AzW - Europas beste Bauten. Die Ausstellung ist von 30. Juli bis 12. Oktober 2020, täglich 10:00-19:00 Uhr, zu sehen.

Gestaltung

  • Anna Soucek

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