Bücher in spiegelnder Auslage

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Die Lust am Denken hörbar machen: Der Ö1 Essay

Essay? Was genau soll das sein? Ein Aufsatz, eine Abhandlung, ein Kommentar, ein Bericht? Jeder kennt den Begriff Essay, aber wer vermag aus dem Stand heraus, einen solchen zu definieren. Wörtlich genommen handelt es sich um den Versuch, mit sprachlichen Mitteln ein Phänomen zu umkreisen.

Wobei keinerlei wissenschaftliche Methodik zur Anwendung gebracht werden muss und der Autor/die Autorin als Subjekt erkennbar sein soll. Dem Essay als Versuch wohnt das Scheitern inne. Es gilt nichts zu beweisen, sondern eine Denkbewegung sichtbar zu machen. Theodor W. Adorno charakterisiert den Essay so: „Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben. Er reflektiert das Geliebte und Gehasste, anstatt den Geist nach dem Modell unbegrenzter Arbeitsmoral als Schöpfung aus dem Nichts vorzustellen. Glück und Spiel sind ihm wesentlich.“

Subjektive Weltbetrachtung

Diese Wesentlichkeit soll im „Ö1 Essay“ sichtbar werden. Es geht um subjektive Weltbetrachtung, um das Nachdenken über gesellschaftliche Mechanismen, über Aggregatzustände des Seins, über Fragen, die den Alltag betreffen - es geht um all die Inhalte, mit der sich auch die Literatur beschäftigt, nur auf einer nicht fiktionalen Ebene.

Wobei - und da würde sich Adorno von uns abwenden - auch das Feuilleton, sozusagen als intellektuelle Operette, berücksichtigt werden muss.

Der „Ö1 Essay“ wird sich hauptsächlich aus Neuerscheinungen speisen, was mit der Aktualität von laufenden Debatten zu tun hat. Aber auch Klassiker des Genres werden zu hören sein und früher oder später auch Originalbeiträge österreichischer Autorinnen und Autoren.

Das solidarische Element in der Kultur

Die erste Folge ist dem Philosophen Robert Pfaller und seinem neuen Buch "Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form gewidmet". Unsere Zeit, und damit wir, die in ihr leben, so Pfaller, litte an bemerkenswerter Formvergessenheit, was auch politisch nichts Beruhigendes bedeute. Formlosigkeit sei nämlich das, was der vorherrschenden neoliberalen Ideologie zuarbeite.

Das Propagieren der permanenten Fluidität bringt somit die Menschen um die festen Formen, die sie brauchen. Es sind Rituale, Zeremonien, Formen eben, die uns und unsere Welt im Innersten zusammenhalten: Sie sind es, die Solidarität stiften, ist Robert Pfallers These. Die Formen sind das solidarische Element in der Kultur.

Populismus als Gift der Aufklärung

Und von genau diesem Verschwinden handelt das Buch „Autokratie überwinden“ der russisch-amerikanischen Journalistin Masha Gessen, von dem in der zweiten Folge die Rede sein wird.

In den USA unter Donald Trump, so Gessen, würden täglich demokratische Prozesse missachtet, korrodierten Rechtssystem und kulturelle Normen, verfielen Bürger/innen dem Versprechen radikaler Einfachheit, der Aufteilung der Welt in „us“ und „them“. Aber - und deshalb ist das Buch so brisant: Das sei ein Phänomen, das alle westlichen Demokratien betreffe. Populismus als Gift der Aufklärung.

Gestaltung

  • Peter Zimmermann

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