Gerfried Stocker

ORF/JOSEPH SCHIMMER

"Digital und demokratisch ist möglich"

"Im Gespräch" mit dem Medienkünstler und Musiker Gerfried Stocker

"Es gibt nichts anderes über mich zu erzählen, als dass ich diesen Job mache", sagt Gerfried Stocker in unserem Recherchegespräch, und ich frage mich, ob man nicht schon von einer symbiotischen Verschmelzung sprechen könnte. Seit 25 Jahren hat der Medienkünstler, Musiker und Ingenieur der Nachrichtentechnik die künstlerische Leitung der Ars Electronica inne. Langweilig war ihm nie.

Als zweites von vier Kindern wuchs der 1964 geborene Gerfried Stocker im ländlichen Sankt Peter ob Judenburg in der Steiermark auf. Sein Großvater hatte noch einen bäuerlichen Betrieb, der Vater war Tischler, die Mutter Hausfrau. "Wie es sich gehört", kommentiert Stocker die familiäre Arbeitsteilung scherzhaft. Mit 15 Jahren drängte es ihn fort aus dem Heimatdorf in das "große, urbane Graz", wo er sich zum Nachrichtentechniker ausbilden ließ.

Die Ars Electronica war ein Glücksfall

Das kam ihm zugute, als Stocker in den 1990er Jahren als freischaffender Künstler tätig wurde. Denn der Musiker gab sich nicht damit zufrieden, seine Werke im Studio zu produzieren und bei einem Konzert passiv vor Lautsprechern zu sitzen. Er wollte eine Erlebnissituation für elektronische Musik schaffen. Telekommunikation, interaktive Medien und Robotik prägten seine Kunst. Mit Horst Hörtner gründete er das Kunst- und Technologielabor x-space, seine Projekte wurden unter anderem bei der Weltausstellung in Sevilla sowie der Biennale Venedig gezeigt.

Der "stille und ernsthafte Netzwerker" ("Wiener Zeitung") übernahm mit 31 Jahren die künstlerische Leitung der Ars Electronica. "Ich habe immer gesagt, dass ich nicht nach Linz ziehe, sondern nach Ars Electronica." Fünf Jahre dasselbe Projekt zu leiten war anfangs eine Herausforderung für den freien Künstler. Heute sagt er: "Die Ars Electronica war ein Glücksfall. Aber die Dinge, die einem zufallen, muss man auch auffangen können."

Eine Frau und ein Mann an einem Tisch

Renata Schmidtkunz im Gespräch mit Gerfried Stocker

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Weiterentwicklung des Festivals

Anzufangen wusste Gerfried Stocker jedenfalls etwas mit seiner Leitungsfunktion: Er baute unter anderem die Forschungs- und Entwicklungsabteilung Ars Electronica Futurelab auf, initiierte den Prix Ars Electronica, positionierte das Ars Electronica Center inhaltlich neu, institutionalisierte die Ars Electronica in Japan und brachte sie in digitaler Form an 120 Standorte auf der ganzen Welt.

Seine eigene künstlerische Arbeit hat Stocker für einen längeren Zeitraum hintangestellt. Heute bezeichnet er sie als "private Geschichte", der er sich in seiner Freizeit widmet. Und was macht Gerfried Stocker, wenn er nicht gerade Kunst schafft, managt oder organisiert? "Dann schlafe ich."

MIt dem Sohn auf Augenhöhe

2002 wurde er Vater. Gerade für "helikopterveranlagte" Eltern treffe es sich gut, wenn der Sohn lieber mit ihnen an Symposien und Diskussionen teilnehme, als auf den Spielplatz zu gehen. "Wir argumentieren auf Augenhöhe über gesellschaftspolitische Themen und Kunstprojekte. Dafür ist mein Sohn kein guter Fußballer. Hat Stocker auch nie interessiert." Und ihn selbst? "Nein!" Er lacht.

Am Ende unseres Gesprächs stelle ich die Gretchenfrage: Wie hält es der künstlerische Leiter der Ars Electronica mit den sozialen Medien? "Ich will nicht überall und in jedem Moment erreichbar sein und habe nicht einmal Facebook. Aber ich bin nach wie vor froh, dass es diese Mittel gibt! Die Frage ist, was wir daraus machen. Das World Wide Web war genau das, wovon ich geträumt habe: die Multimedialität, all diese Möglichkeiten, etwas auszudrücken - nicht nur für sich selbst, sondern auch, um andere Menschen zu erreichen."

Text: Viktoria Waldhäusl