Statue: Zwei Soldaten, dazwischen Mädchen mit ausgestreckten Armen

ORF/Anna Soucek

Friedensmuseum "Erlauf erinnert"

Eine gesamtösterreichische Geschichtserzählung anhand der Geschichte eines kleinen Ortes im Mostviertel, veranschaulicht durch Quellen aus dem Ort: dieser Gedanke liegt dem Friedensmuseum "Erlauf erinnert" zugrunde. Recherchiert und erstellt wurde die Dauerausstellung des 2015 eröffneten Museums von Remigio Gazzari und Johanna Zechner, unter bereitwilliger Mithilfe der Bewohnerinnen und Bewohnern von Erlauf, die Fotos, Dokumente und ihr Wissen mit den Kuratorinnen geteilt haben.

Ein Augenblick mit Tragweite

Erlauf ist eine kleine Gemeinde im Mostviertel, an der Westautobahn und an der Bundesstraße 1 gelegen. Dass ausgerechnet dieser Ort ein Museum hat, das dem Zweiten Weltkrieg, seinem Ende und der Erinnerungskultur gewidmet ist, geht zurück auf einen kurzen Moment mit großer historischer Tragweite. "In diesem kurzen Moment in der Nacht von 8. auf den 9. Mai 1945, also in dem Augenblick des Kriegsendes, haben sich hier ein sowjetischer und ein amerikanischer General getroffen und haben in dieser Nacht den Waffenstillstand, den Moment des Kriegsendes in Europa gefeiert. Und dieser kleine Augenblick war die Initialzündung für eine jahrzehntelange Auseinandersetzung dieses Ortes mit der Geschichte des Krieges und des Kriegsendes", schildert Remigio Gazzari.

Festgehalten ist das Aufeinandertreffen des sowjetischen Generals Dmitrii Dritschkin und des US-Generals Stanley Reinhart auf einem im Museum ausgestellten Foto: Sie lachen freudig und zeigen ihre Armbanduhren, die den genauen Zeitpunkt des Zusammentreffens dokumentieren. "Das originale Foto ist natürlich ein Propagandafoto", so Gazzari, "ein gestelltes Foto von den Siegermächten, das zu Propagandazwecken angefertigt wurde. Interessant sind die weiteren Fotos, die aufgetaucht sind. Da sieht man nämlich, was Generäle so machen, wenn sie sich treffen: Sie hängen einander Orden um. Von den Nachkommen des Generals Dritschkin haben wir sogar den originalen Orden bekommen." Auf einem anderen Foto sieht man die beiden Generäle über eine Landkarte gebeugt, offenbar beim Betrachten der Region um die Demarkationslinie.

Erinnerungskultur und Friedensarbeit

Dass dieser historische Moment in Erlauf stattgefunden hat, wurde in den Wirren der Nachkriegszeit vergessen - bis zwei aus der Gegend stammende jüdische Emigranten in den USA eine Broschüre der US-Truppen entdeckten, in der das Ereignis festgehalten wurde. Zwanzig Jahre nach Kriegsende, also Mitte der 1960er Jahre, begann die Gemeinde Erlauf zum Jubiläum des Kriegsendes bemerkenswerterweise den Frieden zu feiern. Interessant findet Gazzari, dass "sich ein Ort Friedensgemeinde nennt. Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg ist hier eine Auseinandersetzung mit Frieden."

Wie sich die Erinnerungskultur im Laufe der Jahrzehnte veränderte, diesem Aspekt ist ein wichtiger Teil des Friedensmuseum gewidmet. Denn in den 1990er Jahren kam eine weitere Wendung in der Erinnerungskultur der Gemeinde Erlauf: Ende der 1980er Jahre, noch vor dem Zerfall der Sowjetunion, hatte der damalige Bürgermeister Franz Kuttner die Idee, statt des traditionellen Gedenk-Repertoires, mit Ansprachen, Militärkapelle und Gedenktafel, zeitgenössische Kunst nach Erlauf zu bringen.

Zwei außergewöhnliche Denkmäler

Über das Kulturamt der niederösterreichischen Landesregierung und dessen Abteilung "Kunst im öffentlichen Raum" knüpfte er Kontakte; und er fragte bei den Botschaften der Sowjetunion und der USA um Mithilfe an. Die Sowjets schickten den Bildhauer Oleg Komov, und aus den USA kam die bekannte Konzeptkünstlerin Jenny Holzer. Deren beide Friedensdenkmäler wurden 1995, also fünfzig Jahre nach Kriegsende, der Öffentlichkeit übergeben. Sie stehen fast nebeneinander, an der Hauptstraße in Erlauf, und sie könnten kaum unterschiedlicher sein: Komovs Denkmal ist eine sozialistisch-realistische Figurengruppe bestehend aus einem amerikanischen und einem sowjetischen Offizier, zwischen ihnen sie verbindendes Mädchen. Jenny Holzers Denkmal ist eine Granitstele, die einen Lichtkegel in den Nachthimmel wirft; auf Bodenplatten rund um die Stele sind assoziative Aphorismen der Künstlerin zum Thema Krieg und dessen Alltag eingraviert.

Beide Kunstwerke wurden kritisiert - davon zeugen Briefe im Friedensmuseum "Erlauf erinnert". Ein Gipsmodell der bronzenen Figurengruppe von Oleg Komov veranschaulicht, dass der Künstler auf einen Kritikpunkt eingegangen ist. Die Darstellung der jungen einheimischen Frau im Dirndl zwischen zwei Soldaten erinnerte so manchen an sexuelle Übergriffe, die Menschen nach Kriegsende erfahren mussten. Komov hat das die junge Frau zu einem Mädchen verjüngt.

Zeitgeschichte und Gegenwartskunst

Mit der Institution "Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich" hat die Gemeinde Erlauf seither eine fruchtbare Kooperation - immer wieder wurden Gegenwartskünstlerinnen eingeladen, sich mit der Geschichte der Friedensgemeinde auseinanderzusetzen. Diese fortlaufende Verknüpfung von historischen Inhalten mit bildender Kunst führte 2015 zur Einrichtung des Museums der Friedensgemeinde "Erlauf erinnert" - und sie wird in der Dauerausstellung ebenso fortgesetzt, wie mit neuen Projekten für den Außenraum. Dieser habe ohnehin einen unmittelbaren Bezug, zu den im Museum dargestellten Geschichten, sagt der Kurator Remigio Gazzari: "Man kann einfach aus dem Fenster schauen und die Inhalte der Ausstellung zu einander in Bezug bringen. Man sieht die Friedensdenkmäler von Jenny Holzer und Oleg Komov. Direkt gegenüber ist ein Friseursalon, das war das Haus einer jüdischen Familie, mit einer Warenhandlung. Wir haben ein Foto von 1938, wo auf diesem Haus ein Transparent hängt, auf dem ‚arisiertes Geschäft‘ steht. Das alles ist ganz unmittelbar zu einander in Bezug zu bringen."

Gestaltung

  • Anna Soucek

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