Persischstunden

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Lars Eidinger nimmt "Persischstunden"

Filme über den Holocaust sind eine heikle Angelegenheit. Doch das Thema eröffnet durch Einzelschicksale immer wieder neue Perspektiven. So auch im Film "Persischstunden" des ukrainisch-amerikanischen Regisseurs Vadim Perelman. Inspiriert von wahren Begebenheiten kann hier ein Jude durch ein raffiniertes Täuschungsmanöver der NS-Todesmaschinerie entkommen.

Mittagsjournal | 21 09 2020

Arnold Schnötzinger

Der Erschießung durch die Nazis entgeht der belgische Jude Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) nur knapp mit einer Lüge: Er behauptet, Perser zu sein. Ganz zufällig sucht Hauptsturmführer Koch (Lars Eidinger) in einem NS-Durchgangslager 1942 in Frankreich einen Perser: Er will die Sprache, also Farsi, lernen und nach dem Krieg ein Restaurant in Teheran eröffnen. Der Kopf von Gilles ist vorerst gerettet und hängt dennoch permanent in der Schlinge. Langsam wächst der - aus verkürzten Namen von Lagerinsassen vollständig erfundene - Wortschatz der fiktiven Sprache.

Persönliche Annäherung

Doch die Spannungsdramaturgie - wann fliegt Gilles auf? - ist nur die Projektionsfläche für eine Charaktererforschung. Denn je länger der Sprachunterricht dauert, desto intensiver wird die persönliche Beziehung zwischen den beiden Männern; desto mehr erkennt der Nazi Koch den Menschen hinter dem Juden, hinter der ideologisch motivierten Fassade seines unhinterfragten Feindbilds. In der fiktiven Sprache wäre Koch ein anderer, meint Regisseur Vadim Perelman: "Er drückt sich dann ganz anders aus als in der deutschen Sprache."

Zweite Lüge

Und damit entblößt der Film eine zweite große Lüge: jene des Nazis. Der erkennt zwar insgeheim sein falsches Tun, verleugnet es aber, um ein System aufrecht zu erhalten, von dem er profitiert. Einen Schrank voller Lebensmittel hat nicht jeder im Lager. Zugleich wächst der moralische Druck auf Gilles, der selbst privilegiert ist, während andere gnadenlos in den Tod geschickt werden.

Szene aus "Persischstunden"

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Nazi-Klischees

Die Praxis des Holocaust behält der Film "Persischstunden" als ständige Drohkulisse im Hintergrund, strapaziert dabei einerseits übliche Klischees - brüllende Wärter, permanente Willkür, Gewalt als sadistisches Vergnügen -, andererseits offenbart der Lageralltag kindische Intrigen unter dem NS-Personal und irgendwie eine Art Banalität des Bösen: Was gibt es denn heute zum Mittagessen?

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