Gertrud Leutenegger, "Späte Gäste"

Gertrud Leuteneggers Roman "Späte Gäste" ist das Ö1 Buch des Monats Oktober.

Eine Frau kehrt nach langer Abwesenheit zurück in ein Dorf im Tessin. Der frühere Lebensgefährte und Vater der inzwischen erwachsenen Tochter ist verstorben, ein Architekt mit genialischen Anwandlungen, aber chronisch erfolglos. Es ist der Vorabend des Begräbnisses. Die Frau will die Nacht im Wirtshaus verbringen, eine ehemals herrschaftliche Villa mit Loggien, Tanzsaal und Park.

Der Wirt, der seinerzeit die Frau und die Tochter immer wieder für einige Tage untergebracht hat, wenn der Architekt gewalttätig geworden war, ist nicht anwesend. Die Villa steht scheinbar leer in der Abenddämmerung, doch sie ist unversperrt. In dieser etwas gespenstischen Umgebung sucht die Frau nach einer Möglichkeit, die Nacht zu verbringen.

Ein Meisterwerk der Abschweifung

Die Schweizer Schriftstellerin Gertrud Leutenegger erzählt die Geschichte einer Nacht, in der äußerlich fast nichts passiert. Doch das leere Haus und die Dunkelheit sind die Projektionsfläche für Erinnerungen an das frühere Leben im Dorf, an die Beziehung und an deren Zerbrechen, aber auch für Fantasien, Ängste, Einbildungen.

Der Text ist ein Meisterwerk der Abschweifung, ständig ändert sich die Richtung, selbst die Flüchtlinge auf Lesbos kommen darin vor. Aber diese Prosa entspricht der Art, wie wir denken, nicht linear nämlich, sondern in Überblendungen und synchron auf mehreren zeitlichen Ebenen. Um daraus Literatur zu machen, braucht es eine Choreografie, und die beherrscht Gertrud Leutenegger.

Aus nächtlichen Gedanken macht sie Sätze, die ständig in Bewegung sind und die am Ende doch eindrücklich von einer Nacht erzählen, in der eine Frau mit einem gleichermaßen schönen wie hässlichen Kapitel ihres Lebens abschließen kann.

Service

Gertrud Leutenegger, "Späte Gäste", Roman, Suhrkamp Verlag, 175 Seiten

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