Orchidee, gezeichnet

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Neue grüne Welt

Pionierinnen und Pioniere der Botanik.

Vor kurzem war der brasilianische Wissenschaftsminister zu Gast in Wien, um die Naturforschung mit Österreich zu intensivieren. Denn in Österreich lagert ein einzigartiger Schatz von Pflanzen aus Brasilien aus dem 19. Jahrhundert. Gesammelt wurde er von Pionieren der Botanik auf der größten naturwissenschaftlichen Expedition von 1817.

Cypripedium Morganiae Burfordiense

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Expedition ohne zeitliches und finanzielles Limit

1817 wurde in der Augustinerkirche in Wien eine ungewöhnliche Hochzeit gefeiert. Die Tochter des österreichischen Kaisers heiratete. Doch der Gemahl von Erzherzogin Maria Leopoldine von Österreich fehlte: Leopoldine sollten den portugiesischen Thronerben Dom Pedro erst später kennenlernen. Doch nun war sie durch die Heirat Kaiserin von Brasilien und Königin von Portugal. Aus Anlass der Vermählung stattete Kaiser Franz, der Erste, eine Expedition nach Brasilien aus.

„Brasilien war für andere Besucher gesperrt, was ja auch den großen Naturforscher Humboldt sehr gekränkt hat, er konnte nicht nach Brasilien“, erklärt die Wissenschaftshistorikerin Christa Riedl-Dorn. „So nutzte das Kaiserhaus die Möglichkeit eine Expedition auszustatten, und zwar eine noch nie dagewesene Expedition. Der Kaiser hat kein zeitliches und finanzielles Limit gesetzt. Das war einzigartig in der Expeditionsgeschichte.“ Mit Leopoldine brachen 14 Gelehrte und Maler auf. Der Zoologe und Präparator Johann Natterer schöpfte die Großzügigkeit des Kaisers voll aus. Er blieb ganze 18 Jahre lang in Brasilien.

Die Orchidee AA

Die Forscher sandten über 150.000 Objekte nach Wien. 1821 musste dafür sogar ein eigenes Brasilianisches Museum errichtet werden. Später gelangten die Objekte an die Vereinigten Naturaliencabinete, dem Vorläufer des Naturhistorischen Museums Wien. Doch das Pflanzenmaterial wäre ohne Stephan Ladislaus Endlicher wohl schnell vergessen gewesen. Das Universalgenie verfasste mit der „Flora Brasiliensis“ einen Gesamtkatalog der Pflanzen Brasiliens. „Eine Darstellung, die bis heute unübertroffen ist“, meint Christa Riedl-Dorn vom Naturhistorischen Museum Wien, wo ein Teil des Nachlasses liegt

Am Naturhistorischen Museum liegen insgesamt geschätzte 5,5 Millionen Herbarbelege. Die Orchideen stammen von Heinrich Gustav Reichenbach - dem König der Orchideen. Und in all diesen Archivbeständen findet der Leiter der Botanik Christian Bräuchler mit einem Griff eine Schachtel mit legendärem Material. Es ist eine Orchidee mit dem eigenartigen Namen: AA.

Bräuchler kann sich angesichts der sagenumwobenen Gattung ein Lachen nicht verkneifen. Der Orchideenexperte Reichenbach war ein geltungsbewusster Charakter. Er fand einen Trick, wie er auf ewige Zeiten als erster auf der Gattungsliste in die Geschichte der Botanik eingehen kann - und trotzdem den Internationalen Code der Nomenklatur einhält. Die Orchidee AA wird bis in alle Zeit die Gattungsliste anführen. „Damit hat er sich unsterblich gemacht, aber auch seinen Charakter“, sagt Bräuchler. Reichenbach trug über 60.000 Herbarbelege von Orchideen zusammen. Er vermachte seine einzigartig große Sammlung dem Naturhistorischen Museum Wien – das damit heute einer der wichtigsten Anlaufstellen für Orchideenexperten ist.

Ausstellungsansicht "Reichenbachs Orchideen - Verstecktes Erbe im Naturhistorischen Museum Wien"

Ausstellungsansicht "Reichenbachs Orchideen - Verstecktes Erbe im Naturhistorischen Museum Wien", 2014

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Frauen beschreiten neue Wege in der Botanik

Um 1850 fanden brachten viele Expeditionen aus allen Teilen der Welt exotische Pflanzen mit nach Wien. Fast immer waren es Männer, die auf Pflanzenjagd gingen. Es gibt nicht viele, aber doch einige Frauen, die neue Wege in der Botanik beschritten.

Die gebürtige Salzburgerin Lotte Schomerus-Gernböck zum Beispiel hat als erste erforscht, welche Pflanzen die Einheimischen auf Madagaskar als Heilmittel verwenden. Sie begründete damit den Forschungszweig der Ethnobotanik. Die Kulturanthropologin Gabriele Habinger fand jedoch heraus, dass sie 25 Kilogramm getrocknete Pflanzen im Auftrag eines Pharmakonzerns zusammengetragen hat. Diese Art der Biopiraterie für die Medikamentenherstellung ist heute sehr umstritten. In den 1960er Jahren war das allerdings noch kein Thema.

Jeanne Baret

GEMEINFREI

Jeanne Baret

Pflanzensammlerinnen und Pflanzenmalerinnen

Die Forscherin setzte mit ihrem Schwerpunkt - Pflanzen und Medizin - eine lange Tradition fort. Botanik galt bis ins 18. Jahrhundert als Teilgebiet der Medizin und wurde nur dort unterrichtet. Damit war sie plötzlich eine Männerdomäne. Eigene Botanik-Institute entstanden erst im 19. Jahrhundert. Nur wenige Frauen wagten sich in das Gebiet vor - als Pflanzensammlerinnen und als Pflanzenmalerinnen.

Jeanne Baret war eine dieser couragierten Pionierinnnen. Sie reiste im 18. Jahrhundert als Mann verkleidet um die Welt und brachte viele neue Pflanzenarten mit. Oder Maria Sibylla Merian - ihre Tier- und Pflanzenzeichnungen suchen bis heute ihresgleichen. Sie war mit ihrer Tochter 1699 nach Surinam gereist und hatte die Urwälder erforscht. Trotz ihrer Meisterschaft der Illustration konnte sie nicht von ihren aufwändig gestalteten Büchern leben.

Die Pionierinnen der Botanik mussten sich immer wieder neu erfinden, wenn sie ihre Leidenschaft zum Beruf machen wollten. Die gebürtige Wienerin Mona Lisa Steiner stand, nachdem sie von den Nationalsozialisten aus Wien vertrieben wurde, vor dem Nichts. Auf den Philippinen konnte sie sich dank ihres Pflanzenwissens eine neue Existenz aufbauen. Sie wurde zur Expertin für die dortige tropische Botanik, baute einen Pflanzenversand auf, schrieb Zeitungskolumnen und Bücher über Orchideen. Und sie schaffte es dabei auch noch zu einer Pionierin zu werden: Sie ist eine der wenigen Frauen, die einen botanischen Garten gründete.

Service

Raoul Heinrich Francé:
Die Pflanze als Erfinder. Stuttgart 1920
Die Welt der Pflanze. Berlin 1912
Annie Francé-Harrar:
Ich, die Pflanze, lebe so, Graz 1967
Handbuch des Bodenlebens, Manuskript von 1959, BTQ e.V. & Eigenverlag Blue Anathan, Kirchberg/Jagst 2012
Franz Pichler: Raoul Heinrich Francé und sein Werk zu Natur und Leben. Eine kommentierte und illustrierte Bibliographie. Trauner Verlag 2015

Christa Riedl-Dorn, Ein uomo universale des 19. Jahrhunderts und sein wissenschaftliches Netzwerk - Stephan Ladislaus Endlicher und seine Korrespondenz mit Wissenschaftlern seiner Zeit (= Schriften des Archivs der Universität Wien, Bd. 26; Göttingen 2019)

Korotin, Ilse/Stupnicki, Nastasja (eds.). Biographien bedeutender österreichischer Wissenschafterinnen. "Die Neugier treibt mich, Fragen zu stellen", Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag

Klemun, Marianne/Spring, Ulrike (Hrsg): Expeditions as Experiments. Practising Observation and Documentation Palgrave Macmillan Verlag

Tanja Hammel: Shaping Natural History and Settler Society

Gestaltung