Sarah Viktoria Frick und Marie-Luise Stockinger

ORF/JOSEPH SCHIMMER

"Laute Nächte" - Ö1 Hörspiel prämiert

"Das muss man sich erst mal trauen: Ein Hörspiel über Gehörlosigkeit" - Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ernennt das Ö1 Hörspiel "Laute Nächte" von Thomas Arzt zum Hörspiel des Monats September 2020.

Mitwirkende der ORF Produktion sind Marie-Luise Stockinger (Anna), Felix Kammerer (Martin), Sarah Viktoria Frick (Kathi) und Nikolaus Barton (Erik); Musik: Hearts Hearts; Ton: Anna Kuncio und Manuel Radinger; Regie: Andreas Jungwirth.

Eine junge Frau und ein junger Mann, nachts, beim Tanzen. Das ist die Geschichte. So einfach. "Laute Nächte" erzählt von Anna und Martin, die einander in einem Club begegnen. Aber es ist nicht die laute Musik, warum sie nicht miteinander sprechen können. Anna ist gehörlos.

Wir reden wie Fische unter Wasser, die Münder machen Laute wie Blubberblasen, nur dass wir keine Flossen haben, sondern Flügel, die schlagen in voller Freiheit, wie die Vögel.

Jurybegründung

Das muss man sich erst mal trauen: Ein Hörspiel über Gehörlosigkeit. In dem vom ORF produzierten Stück "Laute Nächte" sind der Autor Thomas Arzt und der Regisseur Andreas Jungwirth dieses Wagnis eingegangen. Anna ist gehörlos, Martin nicht. Bei ihrer ersten Begegnung spielt das keine Rolle. Denn die findet auf der Tanzfläche in einem Club statt, wo man die Bässe der Musik mit dem ganzen Körper spüren kann - und es zu laut ist, um sich zu unterhalten. Eine klassische, fast prototypische Boy-meets-Girl-Geschichte dient Thomas Arzt als Folie für eine Versuchsanordnung. Wann wird es, nach der ersten, durch stumme Blicke und körperliche Anziehung vermittelten Begegnung, kompliziert? Wann wird sich entscheiden, ob Martin Anna als "behindert" einschätzt und das Interesse an ihr verliert - oder sich die Möglichkeit für eine echte Beziehung eröffnet?

Die Band Hearts Hearts liefert den atmosphärisch dichten Soundtrack der Clubnächte, der laut oder nahezu komplett gedämpft ist – je nachdem, ob wir gerade Martins oder Annas Perspektive hören. (...)

Wie inkludiert man Gehörlose ins Radiogeschehen?

Offen bleibt bei aller Empathie des Autors für seine Protagonistinnen die Frage: Wie inkludiert man Gehörlose ins Radiogeschehen? Im Frühjahr plant der ORF eine öffentliche Aufführung des Stücks in der "Radiophonen Werkstatt" von Regisseur Andreas Jungwirth in der Alten Schmiede in Wien. Dabei wird der Text von Gebärden-Dolmetscher/innen übersetzt. Damit geht der produzierende Sender einen Schritt in die richtige Richtung. Und wirft gleichzeitig weitere wichtige Fragen auf, die zugleich Zukunftsaufgaben in Sachen Inklusion für alle Sendeanstalten sind: Müsste nicht jede Radiosendung in Gebärdensprache übersetzt werden? Oder im Fall von vorproduzierten Formaten wie z.B. Hörspielen als Text-Video mit übertragen werden? Was im Fernsehen längst möglich ist, wäre im Zeitalter des Internet-Radios auch für den Hörfunk technisch kein Problem. Aber auch das muss man sich als Sender erst mal trauen. Der ORF hat einen ersten Schritt getan. Wer geht den nächsten?