Lotte Lenya und Kurt Weill am Klavier

Lotte Lenya und Kurt Weill am Klavier - ORF/MIKADO FILM

"Ein Star, der alles dürfen darf" - Lotte Lenya

Schon bei der Uraufführung der Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" gab es Proteste gegen die "Kulturbolschewisten" Brecht und Weill. Die Vokalprotagonistin des Stückes heißt Lotte Lenya. Sie ist zu diesem Zeitpunkt Weills Ehefrau, und spielt die Rolle der Jenny.

Lotte Lenya, eine Frau, die alles dürfen darf, wie es in der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny über die Bewohner gesagt wird. Sie drängt schon als Teenager ins Rampenlicht beginnt zuerst als Seiltänzerin in der Zirkusmanege, als Ballerina; wird dann schließlich Schauspielerin. Und als Interpretin der Seeräuber Jenny in der Erfolgsproduktion der Dreigroschenoper zur Stimme der zwanziger Jahre.

Lotte Lenya und Robert Shaw 1963 in "James Bond - Liebesgrüße aus Moskau"

Lotte Lenya und Robert Shaw 1963 in "James Bond - Liebesgrüße aus Moskau"

ORF/UNITED ARTISTS

Mehr als 30 Jahre später macht sie auf der ganz großen Leinwand Furore, als russische Spionin Rosa Klebb, im James Bond Streifen „Liebesgrüße aus Moskau“.

Falls man jetzt immer noch nicht weiß, wer sie war, dürfte das als Visitenkarte ausreichen: die Lenya als Seeräuber Jenny in der Dreigroschenoper.

Sie ist eine miserable Hausfrau, aber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso (Übrigens kann mir jeder Komponist leidtun, dessen Frau Noten lesen kann). Sie kümmert sich nicht um meine Arbeit. (Das ist einer ihrer größten Vorzüge.) Aber sie wäre böse, wenn ich mich nicht für ihre Arbeit interessieren würde. Sie hat stets einige Freunde, was sie damit begründet, dass sie sich mit Frauen so schlecht verträgt. (Vielleicht verträgt sie sich aber auch mit Frauen so schlecht, weil sie stets einige Freunde hat). Sie hat mich geheiratet, weil sie gern das Gruseln lernen wollte, und sie behauptet, dieser Wunsch sei ihr in ausreichendem Maße in Erfüllung gegangen. Meine Frau heißt Lotte Lenya.

Der Komponist Kurt Weill gibt eine Beschreibung zu seiner Frau Lotte Lenya, 1929, die als Interpretin seiner Musik zur Ikone der Golden Twenties wurde.

Eine rasche und steile Karriere die bescheiden begann

1928 ist das annus mirabilis der Lotte Lenya. Da feiert die Dreigroschenoper - eine Zusammenarbeit von Berthold Brecht und Kurt Weill - im Berliner Theater am Schiffbauerdamm Premiere. Die Presse überschlägt sich. Die Erfolgswelle der Aufführung spült auch Lotte Lenya nach oben. Die Sängerin ist nun in aller Munde. Eine erstaunlich rasche und steile Karriere, die sehr bescheiden begonnen hatte.

Lotte Lenya ist in Wien am 18. Oktober 1898 als Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauer auf die Welt gekommen. In den ersten 14 Jahren lebt sie zwischen der Linzer Straße und der Ameisgasse im 14. Wiener Gemeindebezirk. Bald ist sie eine junge Frau, die Bühnenluft schnuppern will. Eine kinderlose Tante, die in Zürich lebt, lädt sie ein, bei ihr zu wohnen.

In Zürich macht Lotte Lenya ernst mit der Kunst und absolviert eine Tanzausbildung im core du Ballett des Schauspielhauses. Daraus ergeben sich wiederum Auftrittsmöglichkeiten im Schauspiel.

"Ich spielte von Shakespeare bis Wedekind all diese kleinen Rollen“

Lenya taucht nun tief ein in die süßen Verworfenheiten einer Künstlerexistenz. Sie beginnt Affären, die dann mit Ach und Krach enden, um schließlich als Geliebte des Schauspielers und Theaterregisseurs Richard Revy in Berlin zu landen.

Zu einer ersten Begegnung mit Kurt Weill kommt es 1924 durch die Vermittlung des expressionistischen deutschen Dramatikers Georg Kaiser. Lenya und Weill werden ein Paar. Sie mag seine Musik, sie arbeiten zusammen, und schnell ist die Stimme der Lenya für den Komponisten das Ideal für die Interpretation seines Werkes.

Bei einer Probe für das Songspiel Mahagonny, auch das „kleine Mahagonny“ genannt - die erste Zusammenarbeit von Bertolt Brecht und Kurt Weill 1927 - singt Lenya das erste Mal dem Librettisten Brecht vor - den Alabama Song.

Der berühmte Alabama Song.

Bertolt Brecht sagte damals zu Lenya, wie sie selbst erzählt:

„Komm schon Lenya nicht so ägyptisch!"

Die Teamarbeit von Brecht und Weill setzt sich in der Dreigroschenoper fort, es ist eine Adaption der „Beggar’s Opera“ von John Gay aus dem 18. Jahrhundert. Im August 1928 feiert die Dreigroschenoper unter der Regie von Erich Engel im Schiffbauerdammfheater Premiere. Ein Werk, dass vom Publikum geliebt und von manchen Kritikern auf Grund seiner Breitenwirksamkeit Verrisse kassiert: Zu populär sei das Stück - zu vulgär sein Inhalt.

Am Premiereabend singt Lotte Lenya die Jenny. Ihr Name fehlt aber im Programmheft und das regt Kurt Weill sehr auf, doch die Sängerin selbst bleibt souverän.

"Auch wenn sie mich jetzt nicht kennen, werden sie doch morgen wissen, wer ich bin."

Und so wird die Ehefrau und Lieblings-Vokalistin Weills zeitgleich mit seinem und Brechts Werk erfolgreich. Lenya ist ein Star. Es folgen Plattenaufnahmen, Filmdrehs mit dem österreichischen Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst, Aufführungen im Wiener Raimundtheater und ja, so manch neue Liebe.

Was ihre Liebesaffären mit Männern und Frauen betrifft, ist Lenyas Register prall gefüllt. In den amourösen Jahren mit dem Tenor Pasetti 1932-1934 - Lenyas fliegendem Holländer, der im Raimundtheater an ihrer Seite 1932 in Mahagonny singt, entfernen sich Weill und Lenya voneinander. Der Komponist und die Sängerin halten aber weiterhin Kontakt. Trotzdem kommt es zur Scheidung.

Es ist auch jene Zeit, in der die Nationalsozialisten an Macht gewinnen und Deutschland für den jüdischen Komponisten (gerade nach der Veröffentlichung seiner skandalösen Stücke) zu gefährlich wird. Weill flieht nach Paris und später nach London.

Lotte Lenya und Kurt Weill

Lotte Lenya und Kurt Weill, 1942

AP/ROBERT KRADIN

Flucht nach Amerika und zweite Ehe mit Weill

Für Lotte Lenya haben die Eskapaden in den Casinos der französischen Riviera mit dem Tenor Pasetti bald ein Ende: hohe Spielverluste lassen die Liebe schnell erlöschen, und Weill und seine geschiedene Frau nähern sich einander wieder an. Sie planen eine gemeinsame Überfahrt ins Exil nach Amerika. In Amerika heiratet Lotte Lenya Kurt Weill ein zweites Mal.

Der Versuch, in Amerika Fuß zu fassen, gestaltet sich aber für Lotte Lenya am Ende nur mühsam. Die Stimme der Sängerin ist einfach zu speziell und außerdem mit einem harten Akzent belastet. Mangelnde Englischkenntnisse werden dann auch ein logischer Hemmschuh ihrer Karriere bleiben. Deshalb fasst sie bald den Entschluss, keine ausübende Künstlerin mehr sein zu wollen, sondern Kurt Weill in seinem Schaffen zu unterstützen. So wurde sie Hausfrau in Rockland Country bei New York. Doch dieses vermeintliche amerikanische Hausfrauen-Idyll währt nicht lange. 1950 stirbt Kurt Weill.

Lotte Lenya, 1958

AP

Lotte Lenya, 1958

Lotte Lenyas Wiederbelebungsarbeit von Kurt Weills Musik

1962 wird die Kurt Weill Foundation in New York gegründet. Die Non-Profit Organisation soll das Fortleben des Weillschen Werkes durch Förderung von Forschung im Rahmen des Weill Lenya Research Centers und der Vergabe von Preisen und Stipendien sichern, die auch Lotte Lenya als Präsidentin vergibt. Außerdem gibt es die Lotte Lenya Competition - einen Wettbewerb, der sich an Sänger und Schauspieler richtet.

Durch die unermüdliche Wiederbelebungsarbeit von Lotte Lenya erreicht die Musik von Kurt Weill immer weitere Kreise. Sie setzt sich im Pop und auch im Jazz fest. Lotte Lenya als Seeräuber Jenny in der Dreigroschenoper und der Alabama Song werden Vorbild für The Doors, Ute Lemper, David Bowie, Hildegard Knef, Eleni Lydia Stamellou, Sting oder Teresa Stratas. Der Song über den Weg zur nächsten Whiskey-Bar ist bis heute einer der nachhaltigsten Dauerbrenner aus dem Kurt Weill-Klanguniversum geblieben und wird sowohl von Männern wie auch von Frauen gesungen.

Eine Kultfigur

Lotte Lenya ist also seit den 1920er Jahren der Goldstandard der Weill Interpretation geblieben, an dem sich alle anderen messen müssen. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1981 ist sie, neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin und Sängerin, weiterhin auch als Botschafterin der Kunst von Kurt Weill aktiv.

In ihren späten Lebensjahren vermischen sich in der öffentlichen Figur Lotte Lenyas die historischen Interpretationen mit der Souveränität der gereiften Sängerin. So erlangt sie den Status einer unantastbaren Kultfigur, bis heute.