Stifte in einer Einwegmaske

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Warum Corona arm macht

Ein eigenes Zimmer, ein Schreibtisch, ein Laptop samt Internetverbindung - das wäre die ideale Ausstattung für den Heim- bzw. Fernunterricht. Als im März die Schulen geschlossen und das Lernen für gut zwei Monate nachhause verlagert wurde, fanden jedoch nicht alle Schülerinnen und Schüler ein solche Ausstattung vor. Und schnell zeigte sich: Die coronabedingte "Privatisierung" des Unterrichtens und Lernens verstärkte die bereits vorhandene soziale Ungleichheit weiter.

Ob und wie gut das Lehrpersonal die Schülerinnen und Schüler in diesen Wochen erreichen konnten, war abhängig. vom soziökonomischen Hintergrund der Familien, wie eine Studie des Instituts für Höhere Studien im Sommer zeigen konnte.

Jene, die kleinere Einkommen zur Verfügung haben, armutsgefährdet oder von Armut betroffen sind, haben weniger Wohnraum zur Verfügung, es fehlt an technischer Ausstattung und mitunter an der notwendigen Unterstützung der Eltern.

"Armut ist ganz eng mit Bildungsungleichheit verbunden."

Unmittelbar sind die Folgen nicht sichtbar, langfristig aber Konsequenzen zu erwarten: dazu gehören schulische Schwierigkeiten, Bildungsabbrüche, fehlende Ausbildungsjahre und geringe Karrierechancen. Das heißt, die soziale Ungleichheit im Klassenzimmer wirkt noch stärker als zuvor und verstärkt das Risiko für diese jungen Menschen, später im Lebens selbst von Armut betroffen zu sein.

"Armut ist ganz eng mit Bildungsungleichheit verbunden", sagt die Sozialforscherin Karin Heitzmann von der Wirtschaftsuniversität Wien. Ohne Bildungserfolge sei es umso schwerer, langfristig aus dem Armutskreislauf auszusteigen.

"Die Pandemie macht soziale Ungleichheiten sichtbar, die wir davor nicht gesehen haben."

2019 waren noch 17 Prozent der österreichischen Bevölkerung armuts- und ausgrenzungsgefährdet. Damals begrüßte man die positive Entwicklung. Doch die sei nicht zu halten, sagt Heitzmann. Neben wirtschaftlichen Sorgen und Existenzängsten hätten in diesem Jahr psychische Belastungen und Erkrankungen stark zugenommen.


"Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas und macht soziale Ungleichheiten sichtbar, die wir davor nicht gesehen haben", so Heitzmann. Damit meint sie etwa kleine Selbstständige, die bis dato nicht als sozial gefährdete Gruppen wahrgenommen wurden, die der Lockdown und die gesunkene Nachfrage nach Dienstleistungen vor existentielle Schwierigkeiten stellten.

Die Armutsgefährdungsschwelle liege derzeit bei einem Einkommen von 1.200 Euro pro Person, sagt der Armutsforscher Martin Schenk von der Diakonie Österreich. "Wer nur so viel oder weniger als das hat, kann den Alltag, die wichtigen Dinge des Lebens oft nicht mehr bestreiten und ist dann armuts- und ausgrenzungsgefährdet", so Schenk.

„Wer so wenig hat, gibt alles aus, da gibt es keinen Spielraum Geld zu sparen."

Die wichtigste Maßnahme im Kampf gegen Armut liege auf der Hand, sagen die beiden Experten: Menschen in die Erwerbsarbeit zu bringen und das langfristig. Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen seien dazu notwendig. Die sollten sich an einerseits an Erwachsene richten, andererseits schon beim Schulsystem ansetzen.

Als weiteren Ansatzpunkt nennt Schenk die finanzielle Unterstützung durch den Staat. Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Sozialhilfe sollten so schnell wie möglich erhört werden. Davon profitierten nicht nur die Betroffenen. "Wer so wenig hat, gibt alles aus, da gibt es keinen Spielraum Geld zu sparen", so Schenk. Diese kleinsten Einkommen aufzustocken, steigere den Konsum – in Zeiten, in denen die Konjunktur schwach ist, sei das für die ganze Gesellschaft wichtig.

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