Renata Schmidtkunz und Sara Ostertag

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Theatermacherin Ostertag "Im Gespräch"

Es kann schon mal unangenehm werden in einem Theatersaal, der von Sara Ostertag bespielt wird. Denn die Wiener Regisseurin versteht es, ihr Publikum zu berühren und intellektuell herauszufordern.

Da wird an allzu gern Verdrängtes erinnert, da werden Geschlechterrollen infrage gestellt oder Heiligtümer des Bildungsbürgertums zerlegt. Ostertags Arbeiten sind ästhetisch-philosophische Feuerwerke, die nicht irgendwo am Horizont verglühen, sobald der Vorhang gefallen ist.

Die auf die Zuseher/innen nur so einprasselnden Eindrücke bedürfen einer straffen logistischen Partitur. "Meine Stücke sind neurotisch organisiert, aber das merkt man nicht beim Anschauen", bemerkt Ostertag, deren Inszenierung von "Muttersprache Mameloschn" 2018 mit einem Nestroy ausgezeichnet wurde.

Das System muss grundsätzlich überarbeitet werden

1985 als Tochter einer Architektin und eines Architekten in Wien geboren, wurde Sara Ostertag früh klar, dass sie nach der Matura eine Kunstuniversität besuchen wollte. "Ich habe das als Freiraum entdeckt, in dem man viele verschiedene Themen und Ausdrucksformen verknüpfen kann." Die Großmutter ging mit ihr in die Operette, mit der Schulklasse besuchte sie die Wiener Festwochen. "Es war eine privilegierte Situation."

2011 schloss sie ihr Studium der Theaterregie an der Zürcher Hochschule der Künste sowie jenes der Choreografie an der School for New Dance Development in Amsterdam ab und gründete mit sechs Frauen das Theaterkollektiv makemake produktionen. Der Name verweist auf eine Fruchtbarkeitsgöttin der Osterinsel und könnte treffender nicht sein: Die mehrfach ausgezeichnete Truppe produziert Kunst im Akkord.

Kinder- und Jugendtheater ist unterrepräsentiert

Sie spricht damit nicht nur ein erwachsenes Publikum an. "Kinder- und Jugendtheater ist in Österreich finanziell und medial unterrepräsentiert, während es im Ausland auf hohem institutionellen Niveau verhandelt wird", so Ostertag, die seit 2017 Co-Leiterin des Festivals für junges Publikum Schäxpir in Linz ist. Diesen Superlativ könnte man Ostertag auch mit Blick auf die gesamte freie Szene antragen, wurde sie doch 2020 erneut für einen Nestroy der Kategorie "Beste Off-Produktion" nominiert.

Meist arbeitet die junge Mutter an mehreren Projekten gleichzeitig. In ihrer Bearbeitung von Thomas Manns "Der Zauberberg", die im Jänner 2021 im Landestheater Niederösterreich uraufgeführt wird, verhandelt sie die ebenso selbstzerstörerische wie blinde Logik der westlichen Konsumgesellschaft. "Gewisse Haltungen des Autors sind aus heutiger Sicht chauvinistisch und sexistisch. Ich finde es interessant, wie man das überführen kann." In Analogie dazu, wie sich der Protagonist Hans Castorp in der Isolation der Alpen einer körperlichen und geistigen Selbstbeschau hingibt, während sich um ihn herum eine politische Apokalypse zusammenbraut, stellt die Regisseurin fest:

Wir pflegen unseren eigenen Kosmos und merken nicht, dass die Welt um uns herum zerfällt.

Dass die freie Theatermacherin Gegebenes nicht als gegeben hinnimmt, spiegelt sich nicht nur in ihrem kreativen Schaffen wider. "Die Coronakrise hat gezeigt, wie prekär die Verhältnisse sind, in denen viele Künstler und Künstlerinnen arbeiten. Das System muss grundsätzlich überarbeitet werden." Die Herausforderung, Bestehendes zumindest im Kleinen neu zu definieren, würde Sara Ostertag annehmen: "Eine Leitungsfunktion in einem Theaterhaus wäre da schon interessant. Weil ich dann in der Lage wäre, gemeinsam mit einem Team Strukturen zu verändern."

Text: Viktoria Waldhäusl