Ausschnitt des Albumcovers, Rose

CITY SLANG

"Trip" mit Lambchop

Das neue Album der US-amerikanischen Band Lambchop ist ein besonderes Werk, es besteht nämlich exklusiv aus Coverversionen. Dass es dennoch überzeugt und ganz und gar nach Lambchop klingt, wird Fans nicht überraschen.

Vor dreißig Jahren begann in einem Keller in Nashville, Tennessee eine der ungewöhnlichsten Musikgeschichten der vergangenen Jahrzehnte. Der Keller gehörte dem damaligen Tischler Kurt Wagner, der mit seiner neuen Band die Grenzen des Country neu definieren wollte. Lambchop, die Band, die aus den Keller-Sessions hervorging, gehört heute zu den Institutionen im amerikanischen Pop. Nach "This" (Is What I Wanted to Tell You) im März 2019 erscheint am Freitag das 15. Album der Band. "Trip" hat Kurt Wagner es genannt.

Mittagsjournal | 12 11 2020

David Baldinger

Wenn Kurt Wagner über die Entstehung des neuen Lambchop-Albums "Trip" spricht, dann klingt es beinahe so, als käme die Band direkt von der Paartherapie. "Ich wollte mich zurücknehmen", sagt Wagner. "Ich wollte nicht der Songwriter sein, nicht die Sessions leiten, nichts davon. Einfach nur singen."

Die Kunst des Covers

Im vergangenen Herbst schon lud Wagner seine Mitstreiter nach Nashville ein. Seine Bitte: jeder möge einen Song seiner Wahl mitbringen, der sich als Cover für Lambchop eignet. Wagner versprach sich davon einen neuen Zugang. "Ich war gespannt darauf, wie sich das Experiment entwickelt. Ich suche immer nach neuen Zugängen zur Musik." Lambchop gelten als grandiose Coverband. Von Bob Dylan bis Leonard Cohen haben oder hatten sie Stücke im Live-Repertoire. Die Coverversion von "This Corrosion" von den Sisters of Mercy gilt als Meisterleistung.

Jede Coverversion und die Art wie sie gespielt und arrangiert wird, sage etwas aus, meint Wagner. Insofern ist "Trip" auch ein Konzeptalbum, das Wagner zur Neuvermessung seiner Band diente. "Wir vereinen hier sechs unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven. Der eine suchte etwas musikalisch Herausforderndes, der andere einen Text, der ihm besonders zusagte. Jeder konnte völlig frei wählen."

"Ich schaffe es nicht, klassische Popsongs zu komponieren." Kurt Wagner

Albumcover, Rose

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Lambchop entdecken hier Stevie Wonder und die Supremes für sich und lassen thematisch Mord und Totschlag auf die Liebe und ihre Kraft prallen. Wagners Ensemble begegnet seiner Aufgabe mit erhabener Coolness und Spielfreude. Coveralben haben, was ihre künstlerische Substanz betrifft, einen ähnlich zweifelhaften Ruf wie Weihnachtsalben. Oft dienen sie der Erfüllung eines Vertrages oder als Überbrückung während einer kreativen Dürrephase. Auf "Trip" dürfe sich Lambchop als Popband austoben, meint Wagner. "Ich schaffe es nicht, klassische Popsongs zu komponieren. Das liegt nicht daran, dass ich es nicht versuchen würde. Es gelingt mir nur nicht. Diese sechs Lieder zeigen also Lambchop als Pop-Interpreten."

Kamala Harris als Hoffnungsträgerin

Wagners Frau war bis vor wenigen Tagen Chefin der Demokratischen Partei in Tennessee - entsprechend glücklich ist der Musiker mit dem voraussichtlichen Wahlausgang. Vor allem Kamala Harris als Vizepräsidentin mit multiethnischem Hintergrund wäre wichtig als Zeichen gegen Rassismus in den USA. "Die Hälfte der Amerikaner sind Rassisten. Jetzt Kamala Harris als Vizepräsidentin zu haben deutet in eine positive Zukunft."

"Trip" schmiegt sich passgenau ins bisherige Lambchop-Werk. Diese sechs kurzweiligen, von Lambchop kuratierten Song-Empfehlungen unterhalten und regen zur Auseinandersetzung an - sowohl mit Kurt Wagners Lambchop in der aktuellen Zusammensetzung wie auch mit den gewählten Originalen.

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