Wagner, Buchausschnitt

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"Die Welt nach Wagner" von Alex Ross

Richard Wagners Einfluss auf die Musik, Kultur und Politik des späten 19. und 20. Jahrhunderts ist unumstritten. Wie weit sein Erbe allerdings noch immer reicht, das beschreibt der renommierte US-amerikanische Musikkritiker Alex Ross in seinem umfangreichen Buch "Die Welt nach Wagner", das jetzt in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erscheint.

Mittagsjournal | 17 11 2020

Judith Hoffmann

Was für ein Ziegel von Wagnerschem Ausmaß! Rund 900 Seiten umfasst die deutsche Übersetzung von Gloria Buschor und Günter Kotzor, allein die abschließenden Quellenverweise und das Personenregister flößen Respekt ein. Doch was sich in den 15 Kapiteln zwischen "Rheingold" und "Die Wunde" verbirgt, liest sich unerwartet leichtfüßig, anekdotisch und mitreißend - selbst (oder gerade) für Nicht-Wagnerianer.

Vermittler zwischen Rechtsaußen & Queer-Feministisch?

"Was auch immer man gerade im Kopf oder auf dem Herzen hat - Wagner verstärkt das", sagt der Musikkritiker und Autor Alex Ross. Dass dieser Effekt ebenso inspirierend wie befremdend und sogar gefährlich sein kann, dafür trägt er in "Die Welt nach Wagner" (Rowohlt) eine Fülle anschaulicher Beispiele zusammen.

So ließen sich etwa die jungen Feministinnen um 1900 von Figuren wie Brünnhilde oder Isolde in ihren Anschauungen bestärken. Junge Homosexuelle wiederum erkannten sich in den Außenseiterfiguren seiner Opern wieder. Und Schwarze Bürgerrechtsaktivisten wie W.E.B. Du Bois nutzten Wagner als Kraftquelle für ihren Kampf um Gerechtigkeit.

"Das ist schon beeindruckend. Aber auch der junge Adolf Hitler besucht Wagner-Opern und fühlt sich dadurch bestärkt", so Ross, der in einem umfangreichen Kapitel auch die verhängnisvolle Wagner-Rezeption im Nationalsozialismus darlegt. "Welche Rolle Wagners Opern für die politische Entwicklung des jungen Hitler hatten, ist für mich bis heute ein ungelöstes Rätsel", so der Autor.

Prototyp der PR-Maschinerie

Wie können derart viele glühende Wagner-Verehrer mit völlig gegensätzlichen ideologischen, politischen und religiösen Blickwinkeln auf einen gemeinsamen Nenner kommen, fragt Ross und findet eine seiner Antworten in Richard Wagner selbst: "Er war großartig im Erfinden von Slogans und pointierten Phrasen wie ‚Gesamtkunstwerk‘ oder ‚Das Kunstwerk der Zukunft‘. Das war Teil seiner PR und Selbstvermarktung, fast eine Art Wagner-Industrie."

Der Komponist, der auch als Theologe, Schriftsteller, Philosoph und Metaphysiker dilettierte, fand Gefallen an seinen Bewunderern und scheute sich nicht, manch vehemente Aussage Jahre später mit derselben Vehemenz ins Gegenteil zu verkehren, wie Ross immer wieder durch amüsante, aber auch befremdliche Beispiele zeigt.

Drehbühne der Weltpolitik

Wagners musikalisches Erbe lässt der Autor bewusst links liegen und widmet sich ganz dem Einfluss des Komponisten auf Politik und Kunst - von der Literatur über die Bildende Kunst bis zum Film, denn, so Ross: "Wagner war immer ein politischer Komponist und Theaterkomponist. Die reine Musik gibt es bei ihm nicht."

Es geht um Text und Handlung, um visuelle Effekte und den Raum dahinter - Aspekte, die sich nicht zuletzt große Machthaber zum Vorbild für ihre politischen Selbstdarstellungen und -inszenierungen nahmen. So straft Ross unverblümt all jene Lügen, die nach wie vor einen "unschuldigen" Zugang zu Richard Wagners Musik suchen. Aber er legt auch dar, wie sehr künstlerische Strömungen, etwa der Symbolismus oder der frühe Modernismus, unter dem Einfluss Wagners entstanden.

Buchumschlag

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Leichter Umgang mit einem Schwergewicht

In angenehm plastischer Leichtigkeit erörtert Ross das Wie und Warum hinter Wagners Wirkung. Er verweilt bei Thomas Mann und dem Nationalsozialismus ebenso wie bei James Joyce und dem Hollywood-Kino. Er untersucht die sexuelle Dimension des Wagnerismus ebenso wie die esoterische. Und er spickt seine historischen und theoretischen Auseinandersetzungen mit zahlreichen Anekdoten:

Um die Jahrhundertwende wurde "Tannhäuser" unter einer Karikaturistenfeder zum Edel-Porno, der junge Kaiser Wilhelm II. ließ an seinem Automobil eine Hupe anbringen, die eine Melodie aus "Rheingold" spielte, und in Neuseeland entstand unmittelbar nach Wagners Tod eines von verblüffend vielen Sonetten, die dem Komponisten huldigten.

Immer noch Wagner? - Mehr noch!

Noch immer bringen sie Alex Ross zum Lachen: "Das ist unglaublich schlechte Lyrik. Auf meiner Webseite habe ich eine ganze Sammlung solcher schlechten Wagner-Gedichte, die aber von Wagners massivem Einfluss auf so viele Menschen zeugen."

Hinter derart verschmitzten Seitenhieben dringt allerdings deutlich eine ernste Botschaft durch: "Es ist wichtig, Wagner heute immer noch zu spielen und zu rezipieren", ist der Autor überzeugt. Und er plädiert dafür, von Tristan über den Venusberg bis zum Walkürenritt immer die Quintessenz für die aktuelle Situation in Wagners Werk zu suchen.

"Es kann sehr gefährlich werden, Religion oder Politik aus der Kunst zu machen. Das sieht man an der aktuellen Populärkultur, etwa wenn einflussreiche Berühmtheiten in die Politik wechseln", sagt Ross. Nur eine der Lektionen, die uns Wagner seiner Ansicht nach bis heute lehrt, und nur eine der Erkenntnisse aus diesem Buch, das Wagnerianern ebenso ans Herz gelegt sei wie jenen, die es nie werden wollen.

Service

Alex Ross, "Die Welt nach Wagner", Übersetzt von Gloria Buschor und Günter Kotzor, Rowohlt
Originaltitel: "Wagnerism"
The Rest is Noise - Bücher, Artikel und Blog des Musikkritikers von "The New Yorker", Alex Ross (englisch)

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