Ein Pensionistin öffnet ihre Geldbörse

APA/HARALD SCHNEIDER

Problemfall: Pensionen

Sie sind die wohl größte Errungenschaft des Wohlfahrtsstaates: die Pensionen und das System der Alters- und Pflegeversicherung. Doch so selbstverständlich wie die staatliche Altersvorsorge heute für jedermann ist, so lange hat die Implementierung des Rechtsanspruches auf Pensionen gedauert.

Vor allem die Arbeiter mussten auf eine staatlich garantierte Altersvorsorge bis ins 20. Jahrhundert warten. Auch auf dem Land wurde und wird die Jahrhunderte dauernde Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Grundbesitzenden und Mittellosen vor allem anhand der Versorgung im Alter sichtbar. So existierte auf dem Land das sogenannte Einlegerwesen, bei dem alte und gebrechliche Knechte für einige Tage bei Bauern unterkamen und von diesen verpflegt wurden.

Dabei waren sie jedoch ganz der Willkür und sozialen Ader der Bauern ausgeliefert. Und auch die Bediensteten, Arbeiter und Knechte der Großgrundbesitzer waren ganz dem Gutdünken und dem Schutz ihrer Schirmherren ausgeliefert. Die Altersvorsorge für Grundbesitzer auf dem Land wurde jahrhundertelang vor allem in Form des sogenannten Ausgedinges organisiert. Erst mit Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph II. wurde zunächst für ehemalige Soldaten eine Form der Invalidenrente und für Beamte eine Versorgung im Fall von arbeitsbedingter Arbeitsunfähigkeit eingerichtet. Die österreichischen Arbeiter mussten gar bis 1938 auf eine gesetzliche Alters- und Invalidenversicherung warten, die im Zuge des Anschlusses an Deutschland nach deutschem Recht eingeführt wurde.

Der Schein trügt

80 Jahre später scheint das österreichische Pensionssystem die historischen Defizite abgelegt zu haben und eine gerechte Altersversorgung für alle anzubieten. Doch der Schein trügt: Gerade Frauen sind durch ihre unbezahlte Arbeit bei Pflege und Kinderbetreuung gegenüber Männern im Nachteil. Sie verdienen fast 40 Prozent weniger als Männer, arbeiten vermehrt in Teilzeit und bekommen dementsprechend weniger Pensionen.

Vor allem der demographische Wandel und die steigende Lebenserwartung lassen heute einige Kritiker an der Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit des österreichischen staatlichen Pensionssystems zweifeln, das zu den teuersten der Welt gehört.

Kein Pensionssystem ohne kontinuierliche Migration

Waren im Jahr 1980 noch zwei von zehn Einwohnern über 65, sind es heute drei von zehn. Im Jahr 2060 werden beinahe 60 Prozent aller Einwohner Österreichs über 65 Jahre alt sein. Das führe unweigerlich zu einem finanziellen Kollaps des Systems, wenn es nicht zu einschneidenden Reformen käme, meinen Kritiker. Das Pensionssystem ist finanzierbar, wichtige Reformen seien bereits eingeleitet worden, meinen dagegen andere Experten.

Unumstritten unter Experten ist jedoch, dass für die Erhaltung des derzeitigen Systems eine kontinuierliche Migration unumgänglich ist. Manche Prognosen gehen dabei von einer notwendigen Netto-Zuwanderung von 50.000 Menschen pro Jahr aus. Die Bevölkerungsprognose der Statistik Austria geht davon aus, dass die österreichische Bevölkerung bis ins Jahr 2080 von 8,8 auf 10 Millionen Einwohner steigen wird. Ohne Migration, so die Schätzungen, würde die Bevölkerung von derzeit 8,8 auf 6,7 Millionen im Jahr 2080 schrumpfen.

Manche Experten stehen der Migration als Allheilmittel gegen die Überalterung der Gesellschaft jedoch skeptisch gegenüber. Gerade die Migrationswelle im Jahr 2015 habe die Spannungen innerhalb der Gesellschaft zu Tage gefördert.

Überalterung der Gesellschaft beeinflusst politische Entscheidungen

Nicht zuletzt durch die Corona-Krise sind die Herausforderungen für den österreichischen Wohlfahrtsstaat und sein Pensionssystem jedoch gewaltig: durch die gestiegene Arbeitslosigkeit und die fehlenden Sozialversicherungsbeiträge klafft im Budgethaushalt ein Milliardenloch.

Ob am Ende des Tages die Zeche zwischen Alt und Jung gerecht aufgeteilt werden wird, darf bezweifelt werden. Denn die zu erwartende Überalterung der Gesellschaft wird in Zukunft auch Konsequenzen in der politischen Praxis nach sich ziehen. So befürchten etwa manche Kritiker, dass sich die politischen Entscheidungen der Zukunft noch stärker am Wählerwillen der Pensionisten orientieren werden. Denn für die Politiker einer alternden Gesellschaft wird ein Leitsatz immer wichtiger: "Ohne Pensionisten gewinnen Sie keine Wahlen!"

Gestaltung: Johannes Gelich