Szene aus "One Night in Miami"

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Oscar-Anwärter "One Night in Miami"

Wie so vieles verspätet, sollen heuer erst am 25. April die Oscars verliehen werden. Schon seit einigen Wochen wird aber in der Fachpresse über mögliche Kandidaten spekuliert und auf den Favoritenlisten ist immer wieder auch die US-Produktion "One night in Miami" zu finden.

Der Film erzählt vom fiktiven Zusammentreffen vier afroamerikanischer Ikonen im Jahr 1964 in Miami, die gemeinsam eine Nacht verbringen: Cassius Clay, der später als Muhammad Ali Sportgeschichte schreiben wird, Bürgerrechtler Malcom X, Soulsänger Sam Cooke und der American-Football-Star Jim Brown.

Leslie Odom jr, Eli Goree, Kingsley Ben-Adir und Aldis Hodge

Leslie Odom jr, Eli Goree, Kingsley Ben-Adir und Aldis Hodge

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Vier afroamerikanische Ikonen unter sich

Ohne blaue Flecken und kein bisschen müde kommt der 22-jährige Cassius Clay in das einfache Motelzimmer. Kurz zuvor hat er sich zum Schwergewichtsweltmeister geboxt und dieser Triumph soll gefeiert werden. Auf Einladung seines spirituellen Mentors Malcolm X, mit dem er vor dem Kampf bereits gemeinsam gebetet hat, der allerdings eine etwas andere Vorstellung vom Feiern hat als seine Gäste.

Außer Sam Cooke und Jim Brown soll niemand mehr kommen. Das Motelzimmer ist nicht nur Treffpunkt, sondern Partylocation; im Kühlschrank wartet kein Alkohol, sondern Vanilleeis. Malcolm X will reden. Darüber, was diese vier Männer nicht nur im Boxring oder der Konzertbühne für die afroamerikanische Gemeinschaft bewirken können. Was etwa Clays Ankündigung, zum Islam zu konvertieren, den Namen Ali anzunehmen und der religiös-politischen "Nation of Islam" beizutreten, bedeuten würde. Denn obwohl sie alle Stars auf ihrer jeweiligen Bühne sind, eint sie letztlich vor allem ihre Hautfarbe, an der alles immer auch gemessen werde, so Regisseurin Regina King: "Das war 1964 so und das ist auch 2020 so."

"One Night in Miami" ist das Kino-Regiedebüt von Schauspielerin Regina King, die 2019 bereits für "If Beale Street Could Talk" bei den Oscars als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet worden ist. Der Film hatte außer Konkurrenz bei den Filmfestspielen von Venedig Weltpremiere. Die Rechte hat Amazon Prime gekauft. Und so ist "One night in Miami" ab Freitag nicht im Kino, sondern im Stream zu sehen.

"Ich bin schwarz, ich bin schön"

Welche Bedeutung schon kleine öffentliche Gesten solcher Ikonen haben konnten, beschreibt Schauspieler Eli Goree. Seine Mutter habe bei jener Szene geweint, in der sich Clay im Spiegel betrachtet und sein gutes Aussehen bestaunt: "Cassius Clay war der erste Schwarze, von dem meine Mutter als Kind diesen Satz hörte. Er sagte: 'Ich bin schwarz, ich bin schön.' Viele Afroamerikaner dachten sich dann: Wenn er schwarz und schön ist, muss ich auch ok sein."

Drehbuchautor Kemp Powers hat die reale Freundschaft zwischen diesen vier Männern zu einem fiktiven Treffen verdichtet. Zuerst in einem mehrfach ausgezeichneten Theaterstück, auf dem auch dieses Drehbuch basiert, das Regina King nun kammerspielartig, mit langen Dialogszenen inszeniert hat.

Stars bis zur Türschwelle des Rassismus

Die Bühne ist das Motelzimmer, aus dem sie dann aber immer wieder hinausgeht. Wenn sie Clay in die Boxarena und Sam Cooke auf die Konzertbühne begleitet, oder die rassistische Gewalt und den Druck der Behörden zeigt, mit der die Familie von Malcolm X in ihrem Alltag konfrontiert ist. King illustriert so die Fallhöhe der Figuren, wenn etwa Jim Brown in seiner Heimat von einem weißen Nachbarn als berühmtester Sohn der Stadt begrüßt wird, dessen Haus aber nicht betreten darf. An der Türschwelle ist der Star auf dem Footballfeld eben doch nur ein Schwarzer.

Und darum drehen sich auch die Gespräche der vier in jener Nacht, die Regina King nicht als Stars, sondern als afroamerikanische Männer zusammentreffen lässt, denen ihre Bühnen und ihre Mikrofone genommen worden sind: "Man wird hier Zeuge von Gedanken und Emotionen afroamerikanischer Ikonen. Aber das sind Dinge, mit denen alle Afroamerikaner immer konfrontiert sind. Ich wollte die menschlichen Seiten zeigen. Diesen Erfahrungsraum, den Clay oder Malcolm X mit allen Afroamerikanern teilen, egal wer oder was sie sind."

Kingsley Ben-Adir als Malcolm X

Kingsley Ben-Adir als Malcolm X

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"Der schwarze Künstler bleibt der schwarze Künstler"

Malcolm X ist hier der oft selbstgerechte und manchmal auch nervende Sturkopf, der einerseits seinen eigenen Weg überdenken will, andererseits seine Partygäste in Konflikte treibt. Jim Brown, der mit einer Schauspielkarriere liebäugelt, solle sich das doch noch einmal überlegen - denn alle angebotenen Westernrollen, sind Figuren, die nach ein paar Drehbuchseiten sterben. Und Sam Cooke spielt der Bürgerrechtler Bob Dylans "Blowin' In The Wind" vor und fragt ihn, warum nicht auch er solche Protestlieder schreibe.

Reicht es eine Ikone auf dem jeweiligen Gebiet zu sein, oder braucht es ein politisches Statement, um gesellschaftlich etwas zu bewirken? Wie sind Hautfarbe, politisches Engagement und Erfolg vereinbar? Und haben afroamerikanische Künstler überhaupt die Chance, einfach nur als Künstler, unabhängig von ihrer Hautfarbe, wahrgenommen zu werden? Das sei bis heute unmöglich, sagte Autor Kemp Powers in Venedig: "Ich bin ein Autor, aber ich werde immer der schwarze Autor sein. So wie Regina King immer als die schwarze Regisseurin bezeichnet wird. Davon werden wir nie loskommen!"

"Der Film muss jetzt raus!"

"One Night in Miami" spielt 1964. Sam Cooke wurde noch im selben Jahr erschossen, Malcolm X ein Jahr später. Im Spiegel von rassistischer Gewalt und der "Black Lives Matter"-Bewegung hat der Film 2020 eine Dringlichkeit bekommen, die so manche Schwäche in Rhythmus und Dramaturgie cachiert. Und die letztlich auch überhaupt erst dazu geführt hat, dass "One Night in Miami" schon im September in Venedig Premiere hatte, und nicht erst nach der Pandemie, so Regina King: "Wir dachten zuerst daran, den Film zurückzuhalten. Aber dann ist das alles passiert, und jeder im Team dachte: Nein, der Film muss jetzt raus!"

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