David Lynch

AP/JORDAN STRAUSS

Film

David Lynch zum 75. Geburtstag

Alpträume auf Zelluloid, schaurig-düstere Reflexionen über den menschlichen Körper mit Zeichenstift und Pinsel, Abgründiges auf Tonspuren, ob Soundtracks oder Studioalben: David Lnych gilt als einer der vielseitigsten Künstler der Gegenwart. Heute feiert er seinen 75. Geburtstag.

Vor allem mit seinen Filmen wie "Wild at Heart", "Lost Highway" und "Mulholland Drive" sowie der Fernsehserie "Twin Peaks" wurde Lynch einem breiten Publikum bekannt. Dafür bekam er insgesamt vier Oscar-Nominierungen und 1990 für "Wild at Heart" die Golden Palme in Cannes.

"Today I was thinking of Cherry Pie..."

"Guten Morgen, heute ist der 17. Jänner 2021, ein Sonntag, und in Los Angeles weht eine leichte Brise bei einer Temperatur von 59 Grad Fahrenheit, also 15 Grad Celsius." Fast täglich informiert David Lynch über seinen eigenen YouTube-Kanal über die Wetterlage in Los Angeles. Immer wieder lässt er sein Publikum nebenbei auch an seinen Gedanken und Gelüsten teilhaben, kryptisch, philosophisch oder banal: Kirschkuchen mache sich mit Vanille-Eis besonders gut, und sein Lieblingssong aus der Werkstatt des kürzlich verstorbenen Musikproduzenten Phil Spector sei "Be My Baby" von den Ronettes.

Naomi Watts, David Lynch und Laura Harring

2001, "Mulholland Drive": Darstellerinnen Naomi Watts und Laura Harring mit Regisseur David Lynch.

AP/CHRIS PIZZELLO

Ideen treu bleiben

Nicht nur große, sondern auch kleine Ideen - Gedankenschnipsel also - suchen bei David Lynch stets nach einem künstlerischen Ausdruck. Wichtig dabei: man muss der grundlegenden Idee immer treu bleiben. Beim kreativen Umgarnen von Ideen spielt das Kino eine zentrale Rolle.

Begonnen hat David Lynch in den 1960er Jahren aber in der bildenden Kunst. Schon damals machten seine Zeichnungen und Gemälde der Düsterkeit alle Ehre, doch wie Lynch selbst einmal sagte: Irgendwie fehlten ihm Ton und Bewegung.

Spielfilmdebüt "Eraserhead" 1977

Für beides sorgte schließlich ein Stipendium des American Film Institute Anfang der 1970er Jahre. Mit seinem Spielfilmerstling "Eraserhead" - eine Mischung aus psychodelischer Anmutung, Science-Fiction, Punk und Traum - setzt Lynch 1977 schon eine frühe Markierung: "Ich mag den Surrealismus und im Film kann man Absurdes in einer Liebesgeschichte, in einem Krimi und in einer Mystery-Story zugleich vereinen", sagte Lynch 2013 bei einer Masterclass in Madrid anlässlich einer Werbetour für die "Transzendentale Meditation", deren bekennender Anhänger er ist. Ein Engagement, das ihm aufgrund sektenähnlicher Umtriebe dieser Bewegung immer wieder Kritik einbringt.

Fragmentierte Persönlichkeiten

Seinen Hang zum Schrägen und Mysteriösen konnte Lynch 1990 dann mit der Fernsehserie "Twin Peaks" in breiter Öffentlichkeit so richtig ausleben; jener (längst) Kult-Serie, in der im Zuge von Mordermittlungen die menschlichen Abgründe in einer idyllischen amerikanischen Kleinstadt wie ein Schatz gehoben werden.

Isabella Rossellini und Kyle MacLachlan in "Blue Velvet".

Isabella Rossellini und Kyle MacLachlan in "Blue Velvet".

ORF/MGM

Menschliche Abgründe - vor allem als Stachel im US-Heiligtum Familie - sind David Lynchs vordringliches Erkenntnisinteresse, ihre Kanäle vielfältig. Und so wimmelt es im Lynch-Universum nur so von dämonischen Figuren und fragmentierten Persönlichkeiten, etwa der unberechenbare, gewalttätige Gangster Bobby Peru (Willem Dafoe) in "Wild at Heart", der von Dennis Hopper gespielte Psychopath Frank Booth in "Blue Velevet" und der von Mordvisionen und Erinnerungslücken geplagte Jazzmusiker Fred (Bill Pullman) in "Lost Highway".

Atmosphäre statt Chronologie

Die narrative Logik von Träumen in den Filmen von David Lynch lässt ihre Betrachter manchmal ratlos zurück, vor allem jene, die mehr nach Chronologien und einem Handlungsfaden suchen und sich weniger dem atmosphärischen Kontext seiner Ideen und Geschichten anvertrauen wollen. Man kann sich trösten, auch seine Schauspieler müssten nicht immer alles verstehen, sondern sich einfach dem Ausdruck der Wahrhaftigkeit seiner Ideen verschreiben, so Lynch.

David Lynch, 1990

David Lynch, 1990

AP

Designer und Musiker

Seinen bisher letzten Spielfilm "Inland Empire" hat David Lynch 2006 abgeliefert. Untätig war er freilich seither nicht. Im Gegenteil hat er etwas für seinen Ruf als Multitalent getan, etwa die Inneneinrichtung eines Pariser Nachtclubs und Möbel designt, Videoclips für "Moby" und die "Nine Inch Nails" gedreht, und auch dem eigenen musikalischen Talent auf die Sprünge geholfen unter anderem mit seinem dritten Studioalbum "The Big Dream" 2013, auch nicht unbedingt ein Werk tiefgehender Menschenfreundlichkeit.

Nochmal "Twin Peaks"?

2017 setzte Lynch auch noch in Sachen "Twin Peaks" nach, führte Regie bei einer dritten Staffel. Für Netflix arbeitet Lynch derzeit an einer neuen Serie mit dem Titel "Unrecorded Night". Alles streng geheim - noch. Die Fangemeinde spekuliert allerdings heftig, dass wieder "Twin Peaks" im Spiel sein könnte. Es gibt also auch für den 75-jährigen Lynch weiter viel zu tun ... und irgendwer muss ja auch den täglichen Wetterbericht aus Los Angeles liefern.

Gestaltung

  • Arnold Schnötzinger

Übersicht