Can Dündar

APA/AFP/ODD ANDERSEN

Gorki-Theater Berlin

Can Dündar: "Ich habe Glück gehabt"

Mit einem Nachbau seiner Gefängniszelle will der türkische Journalist Can Dündar in Berlin auf die politischen Inhaftierungen in seiner Heimat aufmerksam machen.

Can Dündar war in seiner türkischen Heimat in Haft, während eines Prozesses wurde ein Schussattentat auf ihn verübt. Er hat überlebt und ist nach Berlin ins Exil gegangen. Dort will er mit einer Ausstellung und mit einer Installation am Maxim-Gorki-Theater auf die Inhaftierungen in der Türkei aufmerksam machen.

Isolationszelle in Silivri

Es ist eine Begegnung unter Corona-Bedingungen, mit Abstand und Maske. An der frischen Luft im Garten des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Dort steht ein Block aus Spiegelglas. Drinnen in betongrau die Nachbildung einer Isolationszelle im türkischen Hochsicherheitsgefängnis Silivri, in dem auch der Journalist Can Dündar inhaftiert war.

"Für türkische Journalisten ist das zum Alltag geworden: Gefängnisstrafen, politische Prozesse, Anschläge und Morde. Viele meiner Freunde in der Türkei sind entweder im Gefängnis oder auf dem Friedhof."

"Erdogan hat die fragile Demokratie zerstört" Can Dündar

Der türkische Präsident Erdogan habe die Mechanismen einer fragilen Demokratie zerstört, die Opposition zerquetscht und die Türkei in ein Gefängnis verwandelt, sagt Can Dündar. "Ich habe Glück gehabt, mein Fall hat große Aufmerksamkeit erregt. Viele Menschen haben für meine Freiheit gekämpft, und jetzt bin ich hier und will Solidarität zeigen - mit denen, die heute unschuldig in der Türkei im Gefängnis sitzen."

Museum kleiner Dinge

Zwölf solche Schicksale hat Can Dündar herausgegriffen und zum Thema einer sehr berührenden Ausstellung gemacht. Das "Museum der kleinen Dinge". In einem dunklen Raum werden auf zwölf Podesten Gegenstände präsentiert, die für ihre Besitzer in der Isolationshaft große Bedeutung erlangt haben. Per Video wird die Erklärung mitgeliefert. Zum Beispiel über die Zeitung mit deren Hilfe der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel seine Zelle in Silivri vermessen hat.

Genau diese Maße hat Can Dündar dann für den Nachbau verwendet. Oder die Telefonkarte, mit deren Hilfe der Oppositionspolitiker Selahattin Demirtas seiner Frau ein in der Haft komponiertes Lied am Telefon vorgesungen hat. Sie hat es aufgenommen. 2018 hat Demirtas aus der Haft heraus kandidiert, ohne Erfolg. Sein Song aber war ein Riesenhit.

Schnecken im Zeichen der Hoffnung

Das Museum zeigt nicht nur das Leiden in der Einzelhaft, sondern auch die Hoffnung und das Ankämpfen dagegen. Auf einem der Podeste stehen zwei nachgebildete Schnecken. Der türkische Unternehmer und Kulturförderer Osman Kavala hat sie in der Haft in seinem Salat gefunden und zu seinen heimlichen Haustieren gemacht. Auch er sitzt seit Jahren im Gefängnis. Sein Schicksal und die Geschichte der Schnecken hat Eingang in eine eigens komponierte Online-Oper gefunden.

Das Verfassungsgericht hat meine Freilassung verfügt, die Richter sitzen jetzt in einer Zelle

Can Dündar sagt, er sei der letzte gewesen, den das System aus seinen Fängen gelassen habe: "Das Verfassungsgericht hat meine Freilassung verfügt und wissen Sie, wo die zwei Richter heute sind. Sie sitzen in genau einer solchen Zelle in Silivri. Das ist der Preis, wenn man heute den Rechtsstaat und die freie Presse in der Türkei verteidigt."

Sobald die Corona-Bedingungen es erlauben, soll die Ausstellung für Publikum öffnen. Und danach möchte Can Dündar seinen Ausstellungsraum und die nachgebildete Zelle auf eine Truck packen und damit durch Europa fahren.

Service

Maxim Gorki Theater - Stronger Still

Gestaltung

  • Birgit Schwarz

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