FILMDELIGHTS.COM
Film als Erinnerungsarbeit
"Endphase"
Es war eines der größten Endphasenverbrechen: Wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurden im niederösterreichischen Hofamt Priel 228 jüdische Zwangsarbeiter von einem SS-Kommando ermordet. Darunter viele Frauen und Kinder. Zwar historisch, aber nie juristisch aufgearbeitet, setzt sich jetzt der Dokumentarfilm "Endphase" von Hans Hochstöger mit dem Massaker auseinander. Hochstöger hat den Film gemeinsam mit seinem Bruder Tobias recherchiert.
16. Jänner 2022, 02:00
Nachdem in den 1960er Jahren die Massengräber ausgehoben und die Überreste der Opfer auf den jüdischen Friedhof in St. Pölten überstellt worden waren, wurden Häuser auf die Tatorte gebaut. In "Endphase" erinnern sich Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, erzählen vom Schweigen in den Jahren danach und von den Erinnerungen an jene Tage im Mai 1945, über die geschwiegen wurde: "Die Stelle, wo das passiert ist, das hat man noch Jahre danach gesehen, da war das Gras ganz dunkel."
"Es ist ein vergessenes Massaker", sagt Hans Hochstöger. Betitelt als Kriminalfall, war es das Buch "223 oder das Faustpfand" von Manfred Wieninger, das die Aufmerksamkeit des Fotografen und Filmemachers auf das Massaker vor der eigenen Haustür lenkte: "Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, wie groß das war und wie spät es passiert ist. Nachdem ich dort aufgewachsen bin, ist mir bewusst geworden, dass ich Leute kenne, die in diesem Buch vorkommen - beispielsweise eine Frau, deren Familie den letzten Überlebenden versteckt hat. Das waren keine direkten Nachbarn, aber die haben einen halben Kilometer weiter gewohnt."
FILMDELIGHTS.COM
Dem Verbrechen und den Opfern so nah
Sechs Jahre lang hat Hochstöger an seinem Film gearbeitet. Von seiner Heimatgemeinde führen ihn die Recherchen zu Hinterbliebenen der Opfer und zu Überlebenden nach Ungarn und Israel. In Budapest findet Hochstöger Kisten mit privaten Gegenständen und Erinnerungsstücken der Opfer und im Holocaustforschungszentrum in Yad Vashem in Jerusalem Fotos der Toten in den Gräben, aufgenommen kurz nach der Tat.
"Das war schon ziemlich emotional", erinnert sich Hochstöger an jenen Moment, als er die Fotos das erste Mal in Händen hielt: "Man sieht die Einschüsse, man sieht ganz genau, dass versucht worden ist, die Leute zu verbrennen. Man sieht, dass es großteils Frauen und Kinder waren. Man kommt diesem Verbrechen schon sehr nahe." Wenn Hochstöger diese Aufnahmen im Film zeigt, dann leinwandfüllend, ohne Ton.
Der SS-Offizier als Ehrenbürger
"Endphase" ist dann nicht nur historische Recherche und Rekonstruktion des Verbrechens, sondern auch Spurensuche in der Zeit danach. Er habe während der Recherchen immer wieder das Gefühl gehabt, den Tätern sehr nahe gekommen zu sein, sagt Hochstöger. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ortskundige Männer aus der Umgebung an der Tat beteiligt gewesen sind. Ein Inspektor erstattete nach 1945 wiederholt Anzeige, zu einer juristischen Aufarbeitung kam es nie.
Als möglicher Mittäter wird immer wieder Fritz Sedlazeck genannt. vEs ist nie offiziell angeklagt worden", betont Hochstöger, aber: "Dass er SS-Offizier war und, dass er sehr früh der NSDAP beigetreten ist - das ist einfach Fakt." Nach dem Krieg arbeitete Sedlazeck in der Nachbargemeinde Petzenkirchen als Gemeindearzt.
Bis heute ist dort ein Platz nach ihm benannt und er ist Ehrenbürger der Gemeinde. Im Film konfrontiert Hans Hochstöger die Bürgermeisterin mit seinen Recherchen - aber damit sei es, wie mit den nach wie vor fehlenden Wegweisern zum Gedenkstein in Hofamt Priel: Für unbequeme Erinnerungsarbeit vor der eigenen Haustür fehlt oft noch immer jedes Verständnis.
