Buch des Monats Jänner

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Jänner

David Edmond, "Die Ermordung des Professor Schlick"

David Edmonds Werk über ein nachhaltiges Kapitel der Philosophie des 20. Jahrhunderts ist das Ö1 Buch des Monats Jänner.

Die Ermordung des Professor Schlick – da könnte man an einen Campuskrimi denken oder an eine Intrige mit tödlichem Ausgang im Wissenschaftsmilieu, doch nichts davon trifft zu. Der reißerische Titel bezieht sich auf die Erschießung des Physikprofessors Moritz Schlick am 22. Juni 1936. Der 33jährige Johann Nelböck, Doktor der Philosophie und ehemaliger Student Schlicks, feuerte auf der Hauptstiege der Universität vier Schüsse auf den zu seiner Vorlesung eilenden Professor ab. Da, du verfluchter Hund! rief er dabei, danach wartete er ruhig auf seine Verhaftung. Als Grund für seinen Tat gab Nelböck an, er sehe im Verhalten Schlicks die ganze Gewissenlosigkeit seiner Weltanschauung ausgedrückt.

Was ist Wirklichkeit und was ist Wahrheit?

Aufbauend auf den Grundsätzen von Ernst Mach und Ludwig Boltzmann, wonach alle empirischen Behauptungen einer experimentellen Prüfung standhalten mussten und dass es nichts außerhalb unserer Sinneseindrücke gäbe, das heißt: nichts Metaphysisches, fanden sich Physiker, Mathematiker und Philosophen in Wien zu offenen Gesprächsrunden zusammen, um außerhalb der Universität über den Wirklichkeitsbegriff zu diskutieren. Das war damals ein zentrales Problem des tendenziell links orientierten Wissenschaftsdiskurses: Was ist Wirklichkeit, was Wahrheit und wie lässt sie sich sprachlich abbilden?

Zu den frühen Mitgliedern des Diskussionszirkels zählten aufrechte Linke wie Otto Neurath, der in vielen Wissenschaften beheimatet war, der Philosoph Rudolf Carnap, der Mathematiker Hans Hahn, der Physiker Philipp Frank und eben Moritz Schlick. Das Zusammenführen von Philosophie und Naturwissenschaften, was Wittgenstein nicht explizit interessierte, ist das Verdienst des Wiener Kreises. Daraus entstand Wissenschaftsphilosophie, das heißt: ein Nachdenken über die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens.

Ein nachhaltiges Kapitel der Philosophie des 20. Jahrhunderts

David Edmonds führt in seinem Buch die komplexe und teils widersprüchliche Philosophie des logischen Empirismus auf anschauliche Weise mit den Lebensgeschichten der Protagonisten des Kreises zusammen und erzählt so ein spannendes und vor allem nachhaltiges Kapitel der Philosophie des 20. Jahrhunderts nach, das im postmodernen Revival der Metaphysik in Vergessenheit zu geraten droht.

Service

David Edmonds, "Die Ermordung des Professor Schlick. Der Wiener Kreis und die dunklen Jahre der Philosophie", C.H. Beck Verlag (Übersetzung: Annabel Zettel)

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