Karl-Markus Gauß

APA/HERBERT PFARRHOFER

Literatur

Karl-Markus Gauß: "Sprachen"

Dieser Text entstand für Ö1 im Rahmen des "Nationalfeiertags der Vielsprachigkeit" am 26. Oktober 2022.

In den vergangenen 25 Jahren war ich häufig an den äußeren Rändern und den inneren Grenzen Europas unterwegs, um jene kleinen Volks- und Sprachgruppen zu besuchen, die mich seit meiner Jugend faszinieren und für die ich seit je eine Zuneigung empfinde, die mir selbst nicht ganz geheuer ist. Ich glaube, sie hat vor allem mit zwei Dingen zu tun. Zum einen imponiert es mir, wenn Menschen, ohne einen Vorteil daraus zu ziehen, sich eine zähe Anhänglichkeit zu ihrer Muttersprache bewahren, auch wenn diese oft nur von wenigen Zehntausend Menschen gesprochen wird. Zum anderen aber gefällt es mir ebenso, dass fast alle Angehörigen von kleinen Nationalitäten zwei- oder dreisprachig sind, denn es ist für sie sozial schlicht überlebensnotwendig, außer ihrer eigenen auch die Sprache der ihnen zahlenmäßig oft weit überlegenen Nachbarn im selben Staat zu beherrschen.

So habe ich im Osten Deutschlands etwa die slawischen Sorben besucht; und im italienischen Kalabrien die Arbërëshe, Nachfahren der im 16. Jahrhundert aus ihrer Heimat geflohenen Albaner; oder die letzten Gottscheer Deutschen, die über Jahrhunderte – um ein paradoxes Bild zu verwenden – mitten im slowenischen Urwald Kocevje eine deutsche Sprachinsel gebildet hatten. Sie alle empfanden eine doppelte Identität, was ihnen keinerlei seelische Nöte bescherte, denn wie selbstverständlich waren sie Sorben, Gottscheer, Arbërëshe – und Deutsche, Slowenen, Italiener. Ihnen und etwa 15 anderen Minderheiten, die stolz an ihrer Sprache festhalten und sich meist nicht zu Unrecht als die wahren Europäer fühlen, habe ich in Reportagen und Büchern den Tribut entrichtet. Oft wurde ich deswegen bei Lesungen gefragt, wie es mir denn gelungen sei, so viele Sprachen zu erlernen. Dabei habe ich sie gar nicht erlernt, sondern bin stets mit leichtem linguistischen Gepäck aus achtzig, hundert Wörtern und zwei Dutzend eingelernten Sätzen aufgebrochen. Und doch habe ich die beglückende Erfahrung gemacht, mich mit vielen Menschen, die ich traf, trotz meiner so geringen Kenntnisse ihrer Sprache unterhalten zu können. Das gelang, weil ich den starken Wunsch hegte, mich verständlich zu machen, und auch sie von mir verstanden werden wollten, zumal es sie freute, dass da einer von weit herkam, um ihr Land zu erkunden und von ihnen etwas zu erfahren. Nicht dass ich mit ihnen über alles hätte reden können oder immer verstanden hätte, was man mir erklären wollte. Aber zu mehr als bloß floskelhaften Freundlichkeiten reichte es doch. Denn der Wunsch, sich zu verständigen, erlaubt es einem, oft weit über die engen Grenzen seines Sprachvermögens hinauszugelangen. Umgekehrt fürchte ich heute manchmal, die Fähigkeit zu verlieren, mich mit einer wachsenden Zahl von Menschen, die doch in der gleichen Sprache wie ich aufgewachsen sind, zu unterhalten, weil der Wunsch in ihnen und, es sei geklagt, auch in mir erloschen ist: der Wunsch, einander zu verstehen.

Diese Erfahrung, dass die sprachliche Verständigung oft leichter, mitunter aber auch schwerer fällt, als es zu erwarten wäre, ist ermutigend, aber zugleich auch bedrückend. Um sich verständlich machen zu können, muss man es auch wollen, und wer einen anderen verstehen, seine Anliegen anerkennen möchte, der muss nicht nur vom Wert der Sprache, sondern auch vom Nutzen des Gesprächs überzeugt sein. Das muss man bedenken, wenn man sinnvoll über die Mehrsprachigkeit sprechen will.

Ich kenne fünf Klassen von Sprachen, die es heute in Österreich gibt und aus denen sich wechselnde Mehrsprachigkeiten ableiten. Da ist die Staatssprache, also jene österreichische Varietät des Deutschen, die als Hochsprache der in Deutschland gesprochenen gleichberechtigt ist, sich aber in manchem signifikant von ihr unterscheidet und die jeder beherrschen muss, der sich in der Gesellschaft behaupten möchte.

Weiters anerkennt das österreichische Volksgruppengesetz sechs autochthone, also alteingesessene Minderheiten, denen bestimmte Rechte verbrieft sind, zu denen auch sprachliche, oder eher sprachpolitische gehören, wie das Recht auf Unterricht der Kinder in ihrer slowenischen, kroatischen, tschechischen, slowakischen, ungarischen Muttersprache oder im Romanes. Es ist überfällig, dass zu diesen sechs anerkannten Volksgruppen als siebente die Jenischen treten; seit einigen Jahren bemühen sie sich mit guten Argumenten und unterstützt von Sprachwissenschaftlern, Historikerinnen, Kulturforschern, verspätet endlich doch den Status einer autochthonen Minderheit zu erlangen.

Dann gibt es drittens die große, in den letzten Jahren stark gewachsene und sich vielfältig ausformende Sprachklasse derer, die von nah und von sehr fern in unser Land gekommen sind. Das hängt zuerst natürlich mit der Binnenmigration innerhalb der Europäischen Union zusammen, die Arbeitskräfte aus Polen oder Bulgarien und aus allen unseren Nachbarländern nach Österreich geführt hat, die übrigens längst nicht mehr nur im so genannten Billiglohnsektor tätig sind. Ich bin in Bulgarien durch Regionen gekommen, die geradezu verödet waren, weil die Bewohner, darunter Ärztinnen und IT-Fachleute, ihr Land verlassen haben, ja, zum Teil von Firmen oder Krankenhäusern der wohlhabenden westlichen Länder regelrecht aus ihrer Heimat, in der sie bitter fehlen, herausgekauft worden sind. Und natürlich sind in den letzten Jahren Flüchtlinge aus weit entfernten, außereuropäischen Ländern nach Österreich gekommen, die beim Grenzübertritt weder ihre Sprachen noch kulturellen Traditionen abgegeben haben.

Ich bin kein Romantiker der Migration noch der Mehrsprachigkeit, der jedwede größere Vielfalt per se schon als kulturelle Bereicherung ausgeben würde. Aber ich weiß aus erster Hand – oder zutreffender gesagt: mit eigenen Ohren -, dass geflüchtete Kinder und Jugendliche umso rascher und besser in die deutsche Sprache hineinwachsen, wenn sie die ihre nicht verleugnen müssen, sondern auch in dieser altersgemäß gefördert werden. Die deutsche Sprache erlernen nicht die am schnellsten, die ihre Muttersprache als erste vergessen, sondern die sich sprachlich in dieser sicher bewegen und von ihr aus andere hinzugewinnen können.

Eine eigene, die vierte Sprachklasse mit geradezu neoimperialen Zügen bildet das Englische, das unseren kulturellen Alltag immer stärker beeinflusst und in vielen Wissenschaften zur globalen Vormacht geworden ist. Keine zehn Prozent der naturwissenschaftlichen Studien werden heute in Österreich noch auf Deutsch verfasst; selbst der Weltkongress der Germanisten hat als Tagungssprache mittlerweile nicht mehr das Deutsche, sondern das Englische. Da debattieren Schweizer, deutsche, österreichische Germanisten auf Englisch über die Verskunst Rainer Maria Rilkes, der peinlicherweise aber noch nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch gedichtet hat. Man mag diese hegemoniale Macht des Englischen bedauern; sie ist vor allem dort abstoßend, wo ihr Menschen, die von der zutiefst provinzlerischen Angst erfüllt sind, womöglich für Provinzler gehalten zu werden, sich beflissen Anglizismen ergeben, wo diese völlig unangebracht sind.

Eine solche Globalisierung wird mittlerweile längst nicht mehr nur sprachpolitisch gefördert - etwa wenn österreichische Schulen staatlich ausgezeichnet werden, weil sie schon ab der ersten Klasse das Englische als zweite Unterrichtssprache eingeführt haben, zum Ziele, dass die aufstrebenden Kinder künftig zweisprachig stammelnd über das Tablet wischen. Nein, es wird mittlerweile auch geradezu wissenschaftspolizeilich verfügt, dürfen doch Forschungsprojekte bei bestimmten Förderstellen nur mehr auf Englisch eingereicht werden.

Die vehemente Globalisierung fördert auf allen Ebenen weltweit regionale und regionalistische Gegenbewegungen, die von der berechtigten Revolte bis zu engstirniger Abschottung reichen. Eine dieser spontanen Bewegungen ist in Österreich neuerdings oft zu hören: Es ist die fünfte Sprachklasse, der Dialekt, der an vielen Orten und in vielen Regionen des Landes gerade von der jungen Generation wiederentdeckt und, oft mit keineswegs traditionellen Elementen versetzt, wieder vermehrt gebraucht wird; eine Entwicklung, die ich, der ich eher in der Hochsprache als im Dialekt beheimatet bin, keineswegs als Aufstand provinzieller Dunkelmänner denunzieren will, sondern als eine schöne Renaissance sprachlicher Vielfalt von unten bewerte und begrüße.

Übersicht