Verladen von Schädeln für das Völkerkunde Museum Berlin

Studiocanal GmbH / Willem Vrey

Film von Lars Kraume

"Der vermessene Mensch"

Zwischen 60.000 und 80.000 Tote vom Stamm des westafrikanischen Hirtenvolkes Ovaherero und 10.000 bis 20.000 getötete Nama. Das ist die geschätzte Bilanz des Völkermordes, den die deutsche Kolonialmacht zwischen 1904 und 1908 in Deutsch-Westafrika, auf dem Gebiet des heutigen Namibia, begangen hat. Ein Genozid, der immer noch zu wenig im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands verankert ist, findet der deutsche Regisseur Lars Kraume und hat dazu nun den Film "Der vermessene Mensch" gemacht.

Europa muss über seine Kolonialgeschichte viel mehr nachdenken

Triumphierend zeigt der Ethnologe Professor von Waldstätten (Peter Simonischek) zwei unterschiedlich große Totenschädel seinen Studierenden an der Universität Berlin: der größere gehöre einem Weißen, der kleinere einem Angehörigen der Herero, also einem "Buschmann". Und folge dessen ist die Rasse der Weißen, anderen Rassen und Ethnien überlegen.

Josef Ritter von Waldstätten (Peter Simonischek) mit seinen Studenten

Josef Ritter von Waldstätten (Peter Simonischek) mit seinen Studenten

Studiocanal GmbH / Willem Vrey

Dieses im Jahr 1896 verfestigte aber längst widerlegte Rassenbild an der Universität Berlin steht am Beginn des Films "Der Vermessene Mensch", in dem sich der junge Ethnologie-Doktorand Alexander Hoffmann (Leonard Scheicher) gegen die Mehrheitsmeinung der Wissenschaft und damit gegen seinen Mentor stellt.

Moralisches Dilemma

Einerseits seriöses wissenschaftliche Interesse, die Sympathie für das Volk der Herero, auch für eine Herero-Frau (Girley Charlene Jazama), die Hoffmann bei einer Völkerschau in Berlin kennenlernt, andererseits der Blick auf die eigene Akademiker-Karriere und eine Expedition nach Namibia, um weiteres Beweismaterial, also ebenfalls Schädel der Herero, für die Untermauerung seiner Theorie zu sammeln. Hoffmann gerät zunehmend in ein moralisches Dilemma.

Regisseur Lars Kraume: "Hoffman muss schreckliche Dinge tun, und auch wenn er glaubt, es wäre für einen guten Zweck, so bleiben es schreckliche Dinge. Am Ende muss er erkennen, dass wir schreckliche Menschen werden, wenn wir schreckliche Dinge tun."

Eine Gruppe Ovaherero-Frauen in der Wüste

Eine Gruppe Ovaherero-Frauen wird von der "Deutschen Schutztruppe" in die Wüste getrieben

Studiocanal GmbH / Willem Vrey

Idealismus zerbricht

Die Geschichte der erfundenen, aber in vielen Facetten realen Personen nachempfundenen Figur Hoffmann dient dem höheren Zweck, ein dunkles, nur wenig beachtetes Kapitel der deutschen Kolonialvergangenheit, den Völkermord an den Herero im Jahr 1904 durch deutsche Truppen, zu erhellen.

Sein Idealismus und das Eintreten für Humanität im Krieg wird Hoffmann auch durch die Brutalität des deutschen Kommandos abgewöhnt, am Ende ist er selbst korrumpiert durch sein skrupelloses Sammeln.

"Menschliche Überreste zurückgeben!"

Die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung ist für Regisseur Lars Kraume aber nicht nur auf die Kriegsgräuel beschränkt, sein Film soll auch längst fällige Restitutionserfordernisse anschieben, liegen doch immer noch zahlreiche Totenschädel in deutschen Sammlungen und Museen.

"Diese menschlichen Überreste sollte man zurückgeben, um sie in Würde zu bestatten, doch damit ist ein großer wissenschaftlicher Aufwand verbunden, der auch einen entsprechenden politischen Willen erfordert", meint Lars Kraume.

Fiktive Folie

Kriegsdrama, historisches Zeitbild, das Porträt eines Mannes zwischen den Fronten, und der Verzicht auf eine - mögliche - Love-Story. In angemessener Zurückhaltung breitet Regisseur Lars Kraume eine fiktive Folie aus, auf die sich die wahren Ereignisse dennoch ungeschönt projizieren lassen, zugespitzt in einem doppeldeutigen Titel "Der vermessene Mensch".

Gestaltung

  • Arnold Schnötzinger