Grabsteine am Wiener Zentralfriedhof.

APA/HERBERT NEUBAUER

Opus

Was wäre der Tod ohne das Wienerlied?

„Der Tod, das muss ein Wiener sein“, sang Georg Kreisler 1969. Eine Feststellung, die seither wie eine Wahrheit behandelt wird. Wie überhaupt „dem Wiener“ ein spezieller Umgang mit dem Tod nachgesagt wird. Jedenfalls ist es in Wien möglich, schon zu Lebzeiten im Wunschsarg Probe zu liegen, bevor man sich für ein Modell entscheidet. Eine Grabstelle kann auf 99 Jahre im Voraus gemietet werden, und auch die Art der Feier lässt sich schon planen.

Mit dem Zentralfriedhof, auf dem sich ungefähr 330.000 Grabstellen befinden, hat Wien einen der größten Friedhöfe Europas. Mehr als drei Millionen Menschen liegen hier, deutlich mehr, als die Stadt Einwohnerinnen und Einwohner hat.

Eine unsterbliche Beziehung

Wien und der Tod scheinen untrennbar miteinander verbunden. Das schlägt sich in einer Stadt, die so sehr von der Musik geprägt ist, auch im musikalischen Umgang nieder. Geprägt auch dadurch, dass lange Jahre in den Kindergärten der Bundeshauptstadt ganz selbstverständlich eine Lobeshymne auf einen Alkoholiker gesungen wurde, der die Wiener im Jahre 1679 während der Pestepidemie mit anstößigen Liedern aufheiterte und sogar eine Nacht in einer Pestgrube verbrachte. Und weil der liebe Augustin auch dort weitersang, wurde er wieder herausgeholt und überlebte. Und bewies damit: Der Schwarze Tod ist nicht so schlimm - zumindest in Wien.

Andererseits sind es nicht sehr viele Wienerlieder, die sich mit dem Tod befassen, gemeinsam ist ihnen aber oft der Zugang: Dem Ende wird ironisch und lakonisch begegnet, wirklich ernst genommen wird der Tod nicht. „Wenn i amal stirb, stirb, müssn mi d’Fiaker tragen und dabei Zithern schlagen, weil i des liab, des liab“, sang Helmut Qualtinger.

"Den letzten Gruaß, den müssen mir die Schrammeln spiel'n."

Roland Neuwirth, der das Wienerlied in den 1970er Jahren mit vielen neuen Impulsen wiederbelebt hat, hat ein Lied verfasst, das zahlreiche Wiener Ausdrücke für das Sterben versammelt.
Der Wienerliedkomponist Hans Frankowski bettet das Ende in eine Atmosphäre paradiesischer Seligkeit:

„I brauch kan Pflanz, i brauch kan Glanz, i brauch ka schöne Leich.
I komm a ohne Kranz genausoguat ins Himmelreich.
Als alter Drahrer hab ich nur den einen Will'n:
Den letzten Gruaß, den müssen mir die Schrammeln spiel'n.
Statt fuffzehn Kerzen stellt's mir hin a guates Flascherl Wein.“

Und die Strottern begegnen Gevatter Tod aufs direkteste, dichten ihm ein Kind an, lassen ihn lebensmüde über seine Vatersorgen erzählen.

Der Tod mag ohne das Wienerlied Auskommen, sein Dasein wäre aber um viele Facetten ärmer.

Sprichwörtlich ins Bild gerückt wird dieser entspannte Zugang zum Tod in einer Wandmalerei in einem ehemaligen Wirtshaus in Wien: Alles, was Rang und Namen hat, wird da von Petrus, mit dem Schlüssel zum Himmel in der Hand, herzlich in Empfang genommen: Vom lieben Augustin, über Josef Bratfisch, den Volkssänger und Fiaker von Kronprinz Rudolf, Lanner, Haydn, Mozart und Beethoven, Carl Michael Ziehrer, Carl Zeller bis zu Johann Schrammel, dem Begründer des Schrammel Quartetts, sowie diverse Sängerinnen und Schauspieler, die in den 1920ern in Wien populär waren. Im Himmel wird dann natürlich gemeinsam musiziert und getanzt. Dass das Haus mit diesem Bild vis-a-vis von Schuberts Sterbezimmer steht (Kettenbrückengasse 6 im 2. Stock, in der Wohnung seines Bruders) kann nur Nichtwienern als Zufall erscheinen.

Der Tod mag ohne das Wienerlied schon sein Auskommen finden, sein Dasein wäre aber um viele Facetten ärmer.

Gestaltung

  • Bernhard Eppensteiner