Rebecca Saunder

ASTRID ACKERMANN

Neue Musik auf der Couch

Rebecca Saunders: "Scar"

Explosive Klangeruptionen, denen wolkenartige Gebilde folgen: So könnte man das Grundprinzip dieser gestischen und packenden Musik beschreiben.

Etwas abstrakter formuliert: Auf eine Aktion folgt eine Reaktion, und in den Worten von Saunders selbst: "Eine Kernattacke ", so die Komponistin in einem Gespräch mit dem Musikwissenschafter Martin Kaltenecker, löst "lebendige Resonanzen" aus, "deren Innenleben unterschiedlich ausgearbeitet wird".

Im Zentrum dieser "Kernattacken " steht ein Klavierduo, welches mit dem Akkordeon bzw. der E-Gitarre gekoppelt ist und im Verbund mit den Schlaginstrumenten für die notwendigen Impulse sorgt. Diese Klangexplosionen sind der wichtigste Typ in einer Reihe von Klangobjekten, die den Verlauf des Werkes prägen. Die meistens darauf folgenden Klangwolken können als ein zweites Objekt betrachtet werden: instabile, raue, zerbrechliche Klänge, deren Hauptfarbe von Zwei- bzw. Mehrklängen in den Bläsern gebildet wird.

Eine rasche Streicherfigur wird auf dem Weg zum Höhepunkt des Stückes immer wichtiger; im langsamen, fragilen und delikaten Schlussteil liefern die Streicher mit ihren melodischen Fragmenten die führende Stimme, in den beiden Klavieren ist ebenfalls eine horizontale Linie zu hören, eingebettet in Clusterharmonik oder Dreitonakkorde.

Mit einer lexikalen Definition beginnt Rebecca Saunders die Werkeinführung: "Scar (Narbe …): 1. Das fibröse Bindegewebe, welches auf der Haut oder innerhalb des Körpergewebes zurückbleibt, wo eine Verletzung, eine Verbrennung oder eine wunde Stelle verheilt ist. 2. Ein steiler, hoher Felsen oder eine felsige Aufragung."

Es folgt eine Art Kontemplation des Phänomens der Narbe: "Stigma, Cicatrix, Läsion, Nävus, Trauma, Pocke und Delle - entstellt, ein Kennzeichen des Unterschieds. Gedächtnis, Geschichte, eingeprägt auf der Haut: eine mögliche Verwundung nachzeichnend. Die Implikation von Gewalt, entstellt und verunstaltet. Die imperfekte Oberfläche, ausgefranste Ränder, Risse in der Fassade."

Die Verbindung zur Musik beschreibt die Komponistin folgendermaßen: "Stille ist die Leinwand, auf der das Gewicht des Klanges seine Spur hinterlässt. In 'Scar' reißt der Klang die Oberfläche der Stille auf, schält die Haut ab, zoomt heran und fällt ins Jenseits. Das Dunkle suchend, das, was im Inneren liegt." Das Gleichnis der Stille als Leinwand betont die Komponistin auch nochmal in einführenden Worten zur Partitur: "Stille ist die Leinwand - trotz der cholerischen Natur eines Großteils des Klangmaterials, tauchen alle Klänge aus der Stille auf und verschwinden in ihr."

Die höchst differenzierte Partitur - die Spiellegende mit der Erklärung der speziellen Spielanweisungen bzw. der verwendeten Zeichen ist mehr als zehn Seiten lang - wurde am 2. Mai 2019 durch das Klangforum Wien unter der Leitung von Julien Leroy beim Acht Brücken Festival aus der Taufe gehoben.

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