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Comeback-Geschichten versus Sachpolitik
Die Banalität auf der Agenda
Wenn die größte Tageszeitung das Neue Jahr mit einer Umfrage beginnt, die die Zustimmung zu früheren Politikern wie Sebastian Kurz und Christian Kern abfragt, dann ist das Österreich. Es ist aber nicht nur der Boulevard, der immer wieder die Banalität auf die Agenda setzt, auch "Der Spiegel" macht mit und der "Falter" und andere. #doublecheck hat nachgefragt, warum Journalisten so gern Gerüchten und Tratsch gegenüber Sachpolitik den Vorzug geben.
15. Jänner 2026, 15:58
Die Liebe der "Kronenzeitung" zu gefallenen Politikern und ihrem Umfeld ist groß. Zum Jahreswechsel haben sie eine Umfrage gebracht, in der für die ÖVP auch Kurz und für die SPÖ auch Christian Kern abgefragt wurden. Was Christian Nusser in seinem wöchentlichen Satire-Blog "Kopfnüsse" mit dem Satz kommentiert hat: "Die Personalreserve beider Parteien besteht offenbar darin, dass man ins Lager geht und schaut, was man von früher aufgehoben hat."
"Krone"-Umfragen als reine Projektionen
Was von solchen Umfragen zu halten ist, die quasi ins Blaue hinein abtesten, wie populär ehemalige Politiker noch sind, ordnet Jakob-Moritz Eberl von der Universität Wien so ein: "Wenn ich rein hypothetisch einzelne Personen abfrage, habe ich eigentlich reine Projektion. Also die Wählerinnen projizieren dann, was sie glauben, wofür die Person steht."
Sie bringen sich selber ins Spiel. Oder sie werden ins Spiel gebracht. Beispiel Christian Kern. Ausgerechnet der frühere Chefredakteur der Tageszeitung "Die Presse", Rainer Nowak, der jetzt Geschäftsführer und nicht mehr Journalist ist, hat Kern als Babler-Alternative aufs Tapet gebracht. In einem Kommentar als CEO auf einem Portal, das von der Industriellenvereinigung finanziert wird. Danach gab es kein Halten mehr.
Christian Kern und Sebastian Kurz, 2017
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Wenn ein CEO als Ex-Journalist spekuliert
Isabelle Daniel von "oe24" meint: zu Recht. "Ich finde es ehrlich gesagt journalistisch nicht mehr nachvollziehbar, wenn man es nicht aufgreifen würde, weil da ist es sogar noch viel realer als beim Sebastian Kurz." Nämlich: dass Christian Kern seine Partei wieder übernehmen würde, wenn die ihn nur ließe. SPÖ-Chef Andreas Babler hat viele interne Kritiker, und die kennen die wenigen innenpolitischen Journalisten.
Mit Personalspekulationen dringe man da als Politiker ganz leicht durch, sagt Georg Renner, langjähriger Innenpolitik-Kenner und derzeit als freier Journalist tätig: "Ich glaube, dass wir tatsächlich eine gewisse ungesunde Entwicklung in Österreich haben, dass Politikerinnen und Politiker, die eine Intrige starten wollen, da sehr schnell sehr fruchtbaren Boden finden. In bestimmten Medien." In einem gesunden Markt wäre das wohl nicht so leicht möglich, meint Renner.
Die handfesten Interessen hinter den Klicks
Er sieht die "Krone"-Umfrage zu Kurz und Kern auch aus einem anderen Grund kritisch: "Die ist natürlich ein Kampagneninstrument, weil bei einer Umfrage mit 2,5 Prozent Schwankungsbreite Christian Kern fiktiv vor Andreas Babler darzustellen mit vier Prozent Vorsprung - das ist natürlich illusorisch." Kampagne deshalb, weil Andreas Babler Medienminister ist und die Medienförderung mutmaßlich zu Lasten des Boulevards reformieren will - und weil Regierungs-Inserate gestrichen worden sind.
Der Medienwissenschafter Jakob-Moritz Eberl sagt dazu: "Im Moment muss man aber ganz klar auch sagen, dass Kronenzeitung, Österreich und Heute ein sehr großes Eigeninteresse daran haben, dass es eine Obmanndebatte innerhalb der SPÖ gibt. Da geht es um ein zentrales Einkommen, um eine finanzielle Grundlage. Gerade dieser Medien." Und auch bei Sebastian Kurz wird ein dunkles Kapitel gern ausgeblendet, speziell vom Boulevard, der da mit ihm in einem Boot sitzt.
Andreas Babler
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Kurz und die demokratiepolitische Wunde
Gegen Kurz, die Volkspartei und alle drei Boulevardblätter wird wegen Medienkorruption ermittelt. Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit: Das sind schwere Vorwürfe, wenn auch die Unschuldsvermutung gilt. Es gab Hausdurchsuchungen im Kanzleramt und in der ÖVP-Zentrale. Kurz musste deshalb als Kanzler zurücktreten. Eberl: "Aus einer demokratiepolitischen Sicht ist es eigentlich unverantwortlich, über ein Comeback von Sebastian Kurz zu sprechen, ohne dabei gleichzeitig die noch offenen Verfahren zu erwähnen." Natürlich sei das im Eigeninteresse des Boulevards.
Laut Wirtschafts- und Korruptions-Staatsanwaltschaft (WKStA) wird jetzt mit Hochdruck an der Auswertung der im Verlag der Fellner-Brüder beschlagnahmten Daten gearbeitet. Der Oberste Gerichtshof hat erst kürzlich grünes Licht dafür gegeben, nach vielen Einsprüchen der Fellners unter Verweis auf das Redaktionsgeheimnis. Wann die Ermittlungen abgeschlossen sein werden, ist laut WKStA derzeit nicht absehbar.
Das leichte Leben mit der Unschuldsvermutung
Kurz ficht das nicht an, wie Walter Mayr beobachtet hat. Er hat im Dezember für das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" eine große Titelgeschichte über den Ex-Kanzler gemacht und dessen neue Rolle als Business-Man unter die Lupe genommen. Zu den Vorwürfen der Ankläger gegen Kurz sagt Mayr: "Noch gilt, wie man es in Österreich so schön sagt, die Unschuldsvermutung. Und er lebt mit der offensichtlich sehr leicht." Das sei sein Eindruck.
Mayr hat - auf "Spiegel"-Kosten, wie er betont - an einer von der Cybersecurity-Firma "Dream" organisierten Reise nach Tel Aviv teilgenommen. Die Firma, an der Sebastian Kurz beteiligt ist, hat dort ihren Sitz. Sie soll eine Milliarde wert und entsprechend erfolgreich sein. Für Walter Mayr ist das nachvollziehbar. "Es ist jetzt keine große Wunderkiste. Die sprechen schon über das, was sie tun, aber nicht über die Kundschaft. Er mit seinem 15 Prozent Anteil hat einen Gegenwert von 150 Millionen Dollar, wenn er ihn auslösen würde. Das ist die Zahl, die er sozusagen erwirtschaftet hat. Virtuell."
Der "Spiegel" bewundert eine Neuerfindung
Und was genau macht Kurz für den SPIEGEL so interessant, dass sie ihn aufs Cover heben? "In der Geschwindigkeit sich neu zu erfinden mit diesem Geschäftsergebnis, das ist ja nicht alltäglich." Mayr erwähnt auch ein Geheimtreffen in der Tiroler Gemeinde Seefeld, wo Kurz den früheren deutschen Minister Karl-Theodor zu Guttenberg und Leute aus dem Silicon Valley, aus Israel und aus den Emiraten versammelt hat.
An der Reise nach Tel Aviv haben vorrangig Politik-Journalisten teilgenommen, die Frage nach einem Comeback als Politiker fand in allen Berichten ihren Niederschlag. Isabelle Daniel von "oe24" rühmt sich sogar, am Zustandekommen des Events beteiligt gewesen zu sein: "Ich habe dann immer wieder gesagt, ich würde das gern vor Ort sehen. Ich würde mir gern einmal seine Firma dort anschauen, und ich möchte auch gern sehen, wie Sebastian Kurz sich dort bewegt."
Die politische Marketing-Reise nach Tel Aviv
Sie persönlich sehe das schon als Geschichte und sei auch der Meinung, dass die Leser und Zuseher das durchaus interessiere, das habe sich dann auch gezeigt, so Daniel. Das sei "eine Art von kalkulierbarer Aufmerksamkeit, wo ich immer sicher gehen kann, dass ich meine Klicks bekomme", hält der Kommunikations-Wissenschafter Eberl entgegen.
"oe24"-Politik-Chefredakteurin Daniel stimmt zu, aber nur halb. "Er klickt nicht mehr so gut, wie er als Bundeskanzler geklickt hat." Aber immer eben immer noch passabel. Und Isabelle Daniel ist sowohl bei Sebastian Kurz als auch bei Christian Kern überzeugt: "Beide sind der Ansicht, sie haben Unfinished Business. Sie seien aus ihrer Sicht zu Unrecht nicht mehr Kanzler und wollen diese Scharte wettmachen."
Wenn die FAZ die "Wunderkinder" ins Blatt hebt
Die anderen Medien wollen und können sich dem Boulevard-Getöse um Kurz und Kern nicht entziehen. Berichte über die Spekulationen erscheinen meist mit Fragezeichen. Vor zwei Tagen erst in der FAZ. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" blickte auf Österreich, wo sich die Dreierkoalition gerade an großen Reformen versucht, und fragte ernsthaft: "Rettung durch die Wunderkinder?" Jakob-Moritz Eberl: "Wenn es um die Frage geht, ob jetzt Kurz oder Kern zurück in die Politik kommen werden und ob sie ihre Parteien retten können, geht es nicht um grundsätzliche inhaltliche Diskussionen. Das sind reine Gedankenspiele."
Das "Spiegel"-Statut und ein Selfie mit Söder
Der Wissenschafter räumt ein, dass politische Inhalte leichter zu vermitteln sind, wenn man sie mit handelnden Personen verknüpft. Nach dem Motto, das schon im Statut des Hamburger "Spiegel" von 1949 festgeschrieben ist: "Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Darum sollten alle Spiegel-Geschichten einen hohen menschlichen Bezug haben. Sie sollten von dem oder den Menschen handeln, die etwas bewirken."
Die Betonung liegt auf "handeln" und "bewirken" und nicht auf Erwähnungen in den Klatschspalten und Gesichtsbädern bei politischen Freunden, wie sie Sebastian Kurz regelmäßig nimmt - zuletzt beim Neujahrstreffen der CSU im bayerischen Kloster Banz, gemeinsames Selfie mit dem ähnlich tickenden Markus Söder inbegriffen.
Schnelle Klicks, die kein Geschäftsmodell sind
Wie sollen seriöse Medien mit dem Hype umgehen? Die Chefredakteurin der Salzburger Nachrichten, Karin Zauner, sagt: "Unser Ansatz ist: Was können wir noch an Informationen oder Hintergründen liefern? Darüber hinaus. Aber dass man sagt, das ist einem völlig egal und man ist völlig unbeeinflusst - nein, so ist es natürlich nicht." Die SN hatten zuletzt eine Hintergrundseite eben mit Kontext zu den "Wiederauferstehungs-Gerüchten der beiden Herren", wie es Karin Zauner nennt. Zur Israel-Reise von Kurz sei man nicht eingeladen gewesen. "Wir wären auch nicht mitgefahren. Ich finde, das ist dann doch etwas aus der Zeit gefallen."
Und was die Klicks anbelangt, die mit Kurz- und Kern-Geschichten garantiert sind, räumt Karin Zauner mit Illusionen auf: "Wir analysieren unsere Daten. Natürlich werden sie gelesen, aber das sind Dinge, die schnell gelesen werden und die Leute auch wieder schnell weg sind." Digitale Abos - für die Zeitungsbranche mitten in der Transformation eine entscheidende Mess-Größe - könne man damit nicht lukrieren.
Sachpolitik im Kombi-Pack, das geht nicht mehr
Und auch Mitnahme-Effekte würden online durch das sogenannte "Unbundling" wegfallen, ergänzt der Journalist Georg Renner: "Wer nur mehr Politik-Politik will, also was Politikerinnen und Politiker übereinander sagen, der liest nur mehr das. Und man kann denen halt schlechter die Sachpolitik unterjubeln. Das ist grundsätzlich was Gutes, weil die Leute halt ihre eigenen Interessen eher abgedeckt finden in den Medien." Es habe aber den Nachteil, dass man das nicht mehr zusammenspannen und auch nicht mehr miteinander finanzieren könne, so Renner.
Ein ähnliches Konzept wie die SN verfolgt der "Falter", der Ende November eine Titelgeschichte zu den Kurz-Spekulationen gemacht hat. Autor Jürgen Klatzer meint, die Story sei gelungen gewesen. "Weil sie ja nicht nur auf Kurz beschränkt war, sondern auch versucht hat, die ÖVP zu durchleuchten und zu schauen, welche Machtstrukturen man braucht, um überhaupt wieder ÖVP-Chef zu werden. Weil einfach so kann sich der Kurz nicht hinstellen, er braucht schon Verbündete. Und wir haben halt geschaut, wo sitzen seine Verbündeten mittlerweile."
Die reale Kanzler-Republik und die Blender
Klatzer ist insofern unverdächtig, als er für seine Liebe zu sachpolitischen Details bekannt ist und nicht für das Verbreiten von windigen Spekulationen. Der "Falter"-Redakteur bringt noch einen wichtigen Punkt ein, nämlich die real verfasste Kanzler-Republik Österreich. Die Regierung ist alles, das Parlament wenig. "Die Regierungspolitik ist medial omnipräsent, während das Parlament irgendwie unter ferner liefen rangiert. Was ich ein bisschen schade finde. Was auch damit zu tun hat, dass unser Parlament im Gegensatz zur Regierung einfach schwach ist."
Leuten wie Sebastian Kurz und Christian Kern spielt das in die Hände. Den Eindruck des Machens erwecken, nicht mühsam aushandeln. Damit kann man glänzen, und viele lassen sich davon blenden. Leider auch Medien.
