APA/HELMUT FOHRINGER
Causa Pilnacek
Journalisten im Ermittler-Modus
Wenn einer der mächtigsten Beamten des Landes tot an einem Donau-Ufer aufgefunden wird, dauert es nicht lange, bis sich die ersten Mythen verbreiten. Hat Christian Pilnacek wirklich Suizid begangen, wie die Ermittler schnell festgestellt haben? Und wie sauber haben Polizei und Justiz gearbeitet? Diese Fragen beschäftigen den angelaufenen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Causa, aber auch zahlreiche Journalisten, die zum Teil selbst mitten im Fall stecken.
15. Jänner 2026, 16:06
Als Sektionschef im Justizministerium hatte Christian Pilnacek alle prominenten Polit-Fälle auf seinem Schreibtisch. Wegen Korruptionsvorwürfen wird er 2021 suspendiert, in der Wiener High Society bewegt sich Pilnacek auch danach weiter. Er wird als skandalumwitterter Machtmensch mit ausgezeichneten politischen Kontakten, vor allem zur ÖVP, beschrieben.
Bis ihn in den Morgenstunden des 20. Oktober 2023 ein Baggerfahrer tot am Ufer eines seichten Donau-Seitenarms nahe Rossatz in der Wachau findet. In der Nacht davor wird Pilnacek als alkoholisierter Geisterfahrer von der Polizei aus dem Verkehr gezogen, der Führerschein wird ihm abgenommen. Für die Ermittler steht schnell fest: Es war Suizid. Alles deutet darauf hin, auch die Obduktion ergibt Ertrinken als Todesursache.
Zweifel vom Top-Journalisten
Michael Nikbakhsh von der "Dunkelkammer" hegt an dieser offiziellen Version rasch Zweifel. Der renommierte Investigativ-Journalist hat sich in mittlerweile 20 Podcast-Folgen intensiv mit der Causa auseinandergesetzt. Er sieht es schlicht als seine Aufgabe, Fragen zu stellen. Wie sauber waren die Ermittlungen wirklich? "Ich kann kein Narrativ anbieten, ich kann keine Schlussfolgerung anbieten. Ich kann nur auf Ungereimtheiten, die mir auffallen, hinweisen."
Diese sieht Nikbakhsh vor allem rund um die Datenträger. Etwa Pilnaceks Handy, das voreilig der Witwe ausgehändigt und damit nie ausgewertet worden sei. Auch die Analyse der Smart-Watch sei immer noch unter Verschluss, kritisiert der Journalist.
"Die Behörden hatten keine Wahl"
Anders sieht die Sache Gernot Rohrhofer. "Im Großen und Ganzen sehe ich hier keine Ermittlungspannen", sagt Rohrhofer, der früher beim ORF und bei der Tagezeitung "Die Presse" gearbeitet hat und jetzt freier Journalist ist. Da anfangs nichts auf Fremdverschulden hingedeutet habe, hätten die Behörden keine andere Wahl gehabt, als das Handy auszuhändigen. "Das wäre Amtsmissbrauch gewesen", wiederholt Rohrhofer die Argumentation der Polizei. Auch wenn einige Journalisten wohl Interesse daran hätten zu erfahren, mit wem Pilnacek Kontakt hatte.
Der Fall wird von Mythen begleitet
Rohrhofer sagt, er sei in den Fall hineingestolpert. Er wohne in der Gegend und habe live mitbekommen, wie die Gerüchteküche angefangen habe zu brodeln. Von dunklen Gestalten und Limousinen, die mit Pilnacek am Ufer gesehen worden sein sollen. Nichts davon habe sich verifizieren lassen.
Die Geschichte biete jedenfalls den idealen Nährboden für Spekulationen. In Österreich gebe es eine Neigung, finstere Machenschaften zu vermuten. "Um diesen Fall werden sich jetzt noch jahrelang Mythen ranken“, glaubt Gernot Bauer vom Nachrichtenmagazin "profil". Für ihn handelt es sich trotzdem um ein "True No-Crime", wie er sagt. "Wenn ich mich wirklich nur an das halte, was belegt ist, kann ich eigentlich nicht zu dem Schluss kommen, dass hier ein Gewaltverbrechen vorgelegen ist, im großen Ausmaß vertuscht wurde oder die ÖVP eine Putztruppe losgeschickt hat."
Pilz-Version verliert vor Gericht
Genau das soll Ex-Politiker Peter Pilz in seinem Bestseller-Buch zur Causa behauptet haben: Die Polizei habe geschlampt und im Sinne der ÖVP die Ermittlungen beeinflusst. Kritiker lesen in dem Werk von Pilz reichlich Spekulationen. Eine Klage mehrerer Polizisten wegen übler Nachrede hat Pilz vor Weihnachten in erster Instanz verloren. Pilz wird berufen. Bei Rechtskraft könnte sein Buch eingezogen werden. Der Marketing-Profi bewirbt damit sein zweites Pilnacek-Buch, das bereits in der Pipeline ist.
Star-Aufdecker, Aktivist, Journalist
Aber auch gegen das Online-Medium von Pilz "ZackZack" gibt es teils rechtskräftige Urteile in der Causa. Pilz spricht von Angriffen auf die Pressefreiheit mit Hilfe von Gerichten. Ob er sich denn als Journalist sieht? "Mir ist egal, ob Sie mich jetzt als Journalisten bezeichnen oder als politischen Aktivisten. Wenn ich Missstände sehe, versuche ich, die Missstände aufzuklären."
Pilz schließt nicht aus, dass Pilnacek getötet wurde. Er verweist auf Verletzungen am Leichnam, er selbst hat rechtsmedizinische Gutachten in Auftrag gegeben. Den Vorwurf, er verbreite haltlose Verschwörungstheorien, schmettert der frühere Aufdecker-Star der Grünen ab. Auch bei den Affären Eurofighter, Lucona oder BVT habe man anfangs von Verschwörungsgeschichten gesprochen.
"Tauschen punktuell Informationen aus"
Der Journalist Michael Nikbakhsh sagt: "Ich habe das Gefühl, dass manche Kolleginnen und Kollegen deshalb vielleicht nicht ohne Scheuklappen rangehen wollen, weil eine Geschichte, die Peter Pilz maßgeblich angestoßen hat, schon mal für sich genommen keine Geschichte sein kann, weil sie von Peter Pilz kommt." Er teile mit Pilz Interesse und Neugierde in dem Fall und habe punktuell Informationen ausgetauscht, erklärt Nikbakhsh. "Aber darüber hinaus macht jeder sein Ding."
Wenn Recherche zur Tatortarbeit wird
Zigarettenstummel am Auffindungsort, Fußabdrücke im Schlamm, Gesundheitsdaten auf der Smart-Watch - für Journalisten, die eigentlich im Politischen zuhause sind, mitunter ein neues Terrain. Verrannt habe er sich nicht, sagt Michael Nikbakhsh selbstbewusst. "Ich würde jetzt schon so weit gehen zu sagen, dass ich nichts aufgebauscht habe." Er habe trotz umfassender Berichterstattung "nicht einen kritischen Hörerbrief von Betroffenen bekommen, geschweige denn eine Klage", sagt Nikbakhsh.
Wie Pilnaceks Laptop zur "Krone" fand
Fest steht: Der Fall rund um Christian Pilnaceks Tod hat jede Menge Skurrilitäten zu bieten. Da ist die Witwe, die das Handy des Sektionschefs mit einem Bunsenbrenner verbrannt haben will. Oder die Mitbewohnerin der Bekannten Pilnaceks, die für Ex-Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka gearbeitet hat. Und dann ist da der abenteuerliche Weg, den der Laptop von Pilnacek nach dessen Tod zurückgelegt hat.
Das Gerät landete ausgerechnet bei "Krone"-Journalist Erich Vogl. Überreicht in einem Supermarkt-Sackerl in einem Café, wie Vogl im Podcast "Die Dunkelkammer" erzählt hat. Er habe den Laptop dann wochenlang zuhause unter der Matratze aufbewahrt, die Daten anschließend abgesaugt und schließlich Martin Kreutner von der Pilnacek-Kommission übergeben. Kreutner hat den Laptop wiederum an die Wirtschafts- und Korruptions-Staatsanwaltschaft weitergegeben.
ÖVP soll wegen Mitschnitt interveniert haben
Die Pilnacek-Kommission war im Dezember 2023 von der damaligen Justizministerin Alma Zadić eingesetzt worden, nachdem ein Audio-Mitschnitt öffentlich wurde, auf dem sich Pilnacek - bei einem privaten Treffen aufgezeichnet - über angebliche Interventionsversuche der ÖVP auf Justiz-Ermittlungen beschwert hatte. Damals habe die ÖVP erfolgslos versucht, gegen Berichterstattung über dieses Tape zu intervenieren, sagte Vogl im Pilz-Medienprozess vor Weihnachten aus. Redaktionsinterna im Zeugenstand. Kurz darauf haben sich die "Kronen Zeitung" und Erich Vogl im guten Einvernehmen getrennt, wie Vogl gegenüber #doublecheck bestätigt. Die ÖVP bestreitet interveniert zu haben.
Journalisten mittendrin statt nur dabei
Peter Pilz, Michael Nikbakhsh und Erich Vogl sind auch als Auskunftspersonen im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Causa Pilnacek geladen. Er ist diese Woche mit einem Lokalaugenschein der Abgeordneten in Rossatz und ersten Befragungen angelaufen. Die Erwartungen der Journalisten an den Ausschuss könnten nicht unterschiedlicher sein.
Gernot Rohrhofer warnt vor einer Schlammschlacht, die der FPÖ helfe, ihre Erzählung vom "Deep State", dem "tiefen Staat", zu befeuern. Michael Nikbakhsh hofft wiederum auf Aufklärung. Live übertragen, wie so oft gefordert, wird auch dieser U-Ausschuss nicht. Die ÖVP ist weiter dagegen. Die Medien werden trotzdem genau zuhören. Und wohl weiter zu unterschiedlichen Ermittlungs-Ergebnissen kommen.
