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Tonspuren
Dracula - Ein Horrorklassiker und seine Mythen
„Alle ausgewählten Berichte entstammen dem unmittelbaren Erleben, sie beruhen auf der Sichtweise und dem Kenntnisstand derer, die sie abgefasst haben“. In seinem Vorwort behauptet Bram Stoker, die Ereignisse in Dracula hätten tatsächlich stattgefunden. Er selbst habe die „Tatsachenberichte“ nur in eine passende Reihenfolge gebracht und alles „Unnötige fortgelassen“. So wird die Leserschaft auf die folgende, in der deutschen Übersetzung von Andreas Nohl, mehr als 550 Seiten umfassende Geschichte über den blutrünstigen Grafen eingestimmt.
4. Februar 2026, 13:35
"Der Leser eilt atemlos von der ersten bis zur letzten Seite, aus Angst, auch nur ein einziges Wort zu verpassen“
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Tonspuren | 10 02 2026
Dracula wurde von Bram Stoker als Collage aus Tagebucheinträgen, Briefen, Zeitungsberichten und Transkriptionen von Phonographieaufnahmen aufgebaut, um seine Fiktion real erscheinen zu lassen und um für Spannung zu sorgen. Was offensichtlich auch gelungen ist, denn bereits bei der Erstveröffentlichung 1897 wurde ein Großteil der Leserschaft vom Nervenkitzel gepackt: „Der Leser eilt atemlos von der ersten bis zur letzten Seite, aus Angst, auch nur ein einziges Wort zu verpassen“, schrieb etwa The Daily Telegraph in einer der ersten Romankritiken.
Doch die zeitgenössischen Kritiken fielen keineswegs einhellig aus, und auch ein finanzieller Erfolg sollte sich zunächst nicht einstellen. Fast schon prophetisch scheint hier die aus dem Veröffentlichungsjahr von Dracula stammende Rezension des Lincoln Mercury: „Es ist eines dieser Bücher, das zwangsläufig viel gelesen und viel besprochen werden wird.“
Ikone der Popkultur
Auf die Frage „Haben Sie den Roman Dracula gelesen?“, folgt meistens die Antwort „Nein, aber ich habe den Film gesehen“. Im Lauf des 20. Jahrhunderts wurde Bram Stokers Roman vielfach für die Bühne und den Film adaptiert, weshalb heutzutage weniger der Romaninhalt als jener der zahlreichen Adaptionen bekannt ist.
1922 schrieb Friedrich Murnau mit seinem Nosferatu Filmgeschichte. Neun Jahre später brachte Regisseur Tod Browning Dracula mit Bela Lugosi in der Hauptrolle in die Kinos. Lugosis Dracula gab nicht nur erstmals Töne von sich, er prägte außerdem das Bild des Vampirs: blass, dunkle Haare, elegant gekleidet, nicht zu vergessen der schwarze Umhang mit Stehkragen. Mit Aufkommen des Farbfilms wurde die Innenseite dieses Umhangs rot: Die Ikone des Grafen Dracula war geboren. Wer allerdings den Roman gelesen hat, weiß, dass Bram Stokers Beschreibung seines Vampirs ganz und gar nicht diesem Bild entspricht.
Mythen vs. Fakten
Bis heute ranken sich zahlreiche Mythen um die Entstehungsgeschichte des Romans. Es gibt mehrere kommentierte Ausgaben von Stokers Werk, darunter der 1979 von Raymond McNally und Radu Florescu herausgegebene Band Essential Dracula, der als bahnbrechend galt, weil die beiden Historiker ausgiebig Gebrauch von den damals gerade entdeckten Arbeitsnotizen machten, die Bram Stoker für Dracula angefertigt hatte. Allerdings stützten sich die beiden auf die falsche Annahme, dass Vlad Tepes und Dracula ein und dieselbe Person waren. Eine Annahme, die dank dem Film Bram Stoker´s Dracula von Regisseur Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1992 weit verbreitet wurde.
Die 2022 verstorbene, kanadische Literaturwissenschafterin Elizabeth Miller versuchte in Werken wie Dracula: Sense and Nonsense Mythen wie eben erwähnten zu widerlegen. Wirklich gelungen ist ihr das nicht, was sich unter anderem darin zeigt, dass nach wie vor viele Menschen glauben, dass Schloss Bran (im Deutschen Schloss Törzburg) in Transsylvanien Draculas Schloss sei. Auch New Slains Castle im schottischen Cruden Bay wird mit Dracula in Verbindung gebracht, weil Bram Stoker in dem kleinen Küstenort regelmäßig Urlaub machte.
