Konrad Paul Liessmann

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Apropos Oper

Oper und Philosophie

Eine neue Reihe mit Konrad Paul Liessmann.

Bei einem Wien-Aufenthalt, nach Ostern 1967, besuchte der Philosoph Theodor W. Adorno eine Repertoire-Aufführung des Wozzeck an der Staatsoper - in der legendären Inszenierung von Oscar Fritz Schuh, mit Walter Berry in der Titelrolle. Das war kein Zufall. Adorno hatte in jungen Jahren bei Alban Berg Komposition studiert, seine epochale Philosophie der neuen Musik hätte ohne diese Begegnung nicht geschrieben werden können, sein Nachdenken über die moderne Oper ist grundiert von den Erfahrungen mit Bergs Wozzeck.

Warum ich das erzähle? Vollgesogen mit den Texten Adornos, über den ich meine Habilitationsschrift verfasste, sah ich in den frühen 1980er Jahren ebenfalls diesen Wozzeck - die Aufführung hinterließ einen bleibenden Eindruck. Und sie brachte mich dazu, immer wieder und immer intensiver über das Verhältnis von Philosophie und Oper nachzudenken.

Oper und Philosophie - passt das überhaupt zusammen? Und wie! In der Oper werden existenzielle Fragen verhandelt, die zutiefst philosophisch sind: Liebe und Hass, Verbrechen und Strafe, Macht und Widerstand, Leben und Tod. Gerade in der Sinnlichkeit des Musiktheaters, in seinem ungeheuren Anspruch, alle Künste zu vereinen, liegt ein philosophischer Impuls: der Versuch, das Weltganze zu deuten. Jede Oper gleicht einem Kosmos - in sich geschlossen und doch in lebendiger Korrespondenz mit der Wirklichkeit.

Jede große Oper enthält im Kern eine Philosophie, die zur Sprache gebracht werden kann. Mozarts Don Giovanni zum Beispiel wird für Søren Kierkegaard zum Ausgangspunkt und Inbegriff des Konzepts unmittelbarer, augenblickshafter, freier Sinnlichkeit. Der Verführer ist für Kierkegaard kein sexueller Gewalttäter, sondern die Personifikation einer Sehnsucht. So wenig Kierkegaards geniales Frühwerk Entweder - Oder ohne Mozart zu verstehen ist, so erstaunlich bleibt es für mich, wie selten die Opernregie sich von dieser Studie über das „Musikalisch-Erotische“ inspirieren ließ.

Irgendwann einmal las ich Adornos Versuch über Wagner. Wie vielen jungen Menschen, die sich zu den Spätachtundsechzigern zählten, war mir dieser von den Nazis verehrte Komponist und Antisemit suspekt. Wollte ich Adornos Buch verstehen, musste ich aber Wagner hören. Ich blieb bei ihm hängen. Und bei jenem Denker, der ihm in leidenschaftlicher Hassliebe verfallen war: Friedrich Nietzsche. Meine These: Nirgendwo lässt sich über die Dynamik menschlicher Gefühle mehr lernen als in dem dissonanten Zusammenklang dieses umstrittenen Philosophen und des nicht minder umstrittenen Musikers. An Tristan und Isolde lässt sich das vielleicht am besten illustrieren.

Obwohl ich also Wagnerianer wurde, liebe ich seinen Antipoden Giuseppe Verdi. Am faszinierendsten finde ich dessen Otello. Und das nicht nur wegen der musikalischen Gewalt, mit der die Oper einsetzt, nicht nur wegen der Intensität, mit der alle Facetten der Eifersucht gezeichnet werden, sondern auch, ja vor allem, weil Otello eine musikalische Auseinandersetzung mit einem der großen Rätsel der Religion und Philosophie ist: Wie kommt das Böse in die Welt? In meiner philosophischen Deutung avanciert Jago, der Intrigant, zur eigentlichen Hauptfigur dieser Tragödie. Ihn treibt nur ein Motiv: die Lust an der Zerstörung. Die reine Destruktivität aber ist das Kennzeichen des absolut Bösen.

Auch für mich wurde die Oper zu einer Inspirationsquelle philosophischer Arbeit. Umgekehrt, so hoffe ich zumindest, schärft der philosophische Blick auf das Musiktheater das Gehör. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um Stars am Pult, Regieeinfälle oder große Stimmen auf der Bühne, sondern um die Wahrheit der Emotionen, um die Offenbarungen der Musik, um Erschütterungen, die der Reflexion bedürfen. Das mag ein ungewohnter Zugang zu dieser Gattung sein. Doch einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Text: Konrad Paul Liessmann